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1. Band der Geschichte Siebenbürgens von Wilhelm Andreas Baumgärtner



Der vergessene Weg

Wie die Sachsen nach Siebenbürgen kamen

 

Hermannstadt, 1. Auflage: Hora Verlag 2007, 2. Auflage: Schiller Verlag 2010


Der Hermannstädter Historiker und Journalist Wilhelm Andreas Baumgärtner studierte zu Beginn evangelische Theologie, doch hatte schon als junger Mann großes Interesse an historischen Themen. Nachdem er mit seiner Familie 1977 nach Deutschland auswandert war, setzte er sein Studium der Geschichte und Germanistik fort. Er machte inzwischen eine Journalistikausbildung und schrieb unter anderem Beiträge, Reportagen, Interviews, Berichte für das Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg, Publikationen in Kunstkatalogen sowie Essays. Doch er hatte als Ziel, die Geschichte Siebenbürgens ausführlicher zu untersuchen und ließ seine Ideen, Überlegungen und Thesen zum Thema in bisher vier Büchern beim Schiller Verlag Hermannstadt/Bonn veröffentlichen.

Als I. Band der Geschichte Siebenbürgens erschien im Jahr 2007 das Buch mit dem Titel "Der vergessene Weg". Der Untertitel des Buches "Wie die Sachsen nach Siebenbürgen" kamen, nennt das untersuchte Thema dieses Werkes. Der Autor behandelt die Frage der Herkunft der deutschen Siedler des heutigen Siebenbürgens. Ob Siebenbürgen der Legende des Königs Geisa II. nach von Deutschen besiedelt wurde oder während der verschiedenen Kreuzzüge, bleibt eine offene Frage, die jeder Leser für sich selbst beantworten kann.

Der II. Teil (2008) der Geschichte Siebenbürgens hat den Titel "Eine Welt im Aufbruch" und den Untertitel "Die Siebenbürger Sachsen im Spätmittelalter". Das Thema des ersten Buches, also der Herkunft der Siebenbürger Sachsen, wird weiter analysiert. Es werden viele Fragen gestellt, aber keine einzige und richtige Antwort gegeben.

Es werden vielmehr Behauptungen verschiedener Historiker und Wissenschaftler aufgezählt und verglichen. Die Besiedlung Siebenbürgens war nicht ein einziges Geschehen mit einem genauen Anfang und einem Ende, sondern es war ein Prozess. Daraus ergibt sich dei Folgerung, dass auch die Untersuchung der Besiedlung ein komplexer Prozess sein sollte. Es handelt sich um die Frage, warum gerade die Sachsen nach Siebenbürgen kamen, was sie hierher zog (der Ruf von Geisa II.,  die Kreuzzüge), was sie zum Hierbleiben bewegte (Privilegien des Königs Andreas II., u.a. der Freibrief).

Dis Geschichte geht mit dem im Jahre 2009 erschienenen III. Teil der Geschichte Siebenbürgens unter dem Titel "Im Zeichen des Halbmondes" mit der Beschreibung der von Türken verursachten schwierigen Lebensumstände und Lage der Einwohner Siebenbürgens weiter. Dieser Band trägt den Untertitel "Siebenbürgen in der Zeit der Türkenkriege".

"In den Fängen der Großmächte" (2010), so lautet der Titel des bisher letzten, IV. Bandes der Geschichte Siebenbürgens von W. A. Baumgärtner. In dem Buch wird die Frage der Entstehung des Fürstentums Siebenbürgen untersucht. Der Untertitel "Siebenbürgen zwischen Bürgerkrieg und Reformation" zeigt die Zeitperiode, in der die historischen Ereignisse Siebenbürgens dargestellt werden. Die vielen Türkenkriege führten u.a. zum Niedergang Ungarns (1526), zur Belagerung Wiens (1529) und dadurch zur Entstehung eines selbstständigen Staates, Siebenbürgens.
   
Der Gegenstand meiner Rezension, also der erste Band der Geschichte Siebenbürgens "Der vergessene Weg" hat sich die ausführliche Analyse der deutschen Besiedlung auf dem Gebiet Rumäniens zum Ziel gesetzt. Inwieweit dies realisiert wird, soll nach der kurzen Präsentation der 11  Kapitel entschieden werden. Das Buch ist ein übersichtliches Werk mit genauen geschichtlichen Daten, die als Ausgangspunkt für weitere Recherchen dienen können und auch als Hilfe bei theatergeschichtlichen Forschungen dienen mögen.

Das Thema der Herkunft der deutschen Siedler in Siebenbürgen beschäftigte und beschäftigt bis heute zahlreiche Historiker und Wissenschaftler. Das zeigt das Erscheinen von Büchern wie zum Beispiel: Schuller, Johann Karl: "Umrisse und kritische Studien zur Geschichte von Siebenbürgen", 1. Heft (1840), Honigberger, Rudolf: "Zur Geschichte des Deutschtums in Rumänien" (1909), Huss, Richard: „Die Einwanderung der Deutschen in Ungarn und Siebenbürgen“ (1926), Göllner, Carl (Hg.): "Geschichte der Deutschen auf dem Gebiet Rumäniens" (1979),  Frisch, Pierrot: "Auswanderung zwischen Rhein und Maas nach Siebenbürgen" (2005). 

W. A. Baumgärtner beschreibt in der Einleitung, dass er sein Werk den Fragen, wann und wie die deutschen Kolonisten nach Siebenbürgen kamen, widmet und dass er diese Fragen anhand von unterschiedlichen Theorien mehrerer Historiker behandelt, die verschiedene Hypothesen über die Herkunft der Siebenbürger Deutschen aufstellten. Die erste und gleichzeitig die einfachste Hypothese über  ihre Herkunft sei der Ruf des ungarischen Königs Geisa II. nach Siebenbürgen. Er wollte im 12. Jahrhundert deutsche Siedler von Rhein und Mosel nach Siebenbürgen holen, um so die Sicherheit der Grenzen gegen die Überfälle der Türken, Mongolen und anderen zu stärken. Eine andere Theorie wäre, dass die Siedler in der Zeit der Kreuzzüge ins Heilige Land wollten, und sich auf den Weg machten. Als sie gerade unterwegs waren, rief Geisa II. sie nach Siebenbürgen. Es wurden zahlreiche Forschungen zum Thema gemacht, es gibt viele Theorien darüber, aber wenige Beweise, sagt der Autor öfter in seinem Werk.

 

Im ersten Teil (Rückblicke und Überblicke) werden die Möglichkeiten der Wege der deutschen Siedler nach Siebenbürgen geschildert. Es gibt verschiedene Behauptungen über die Richtung, aus der die Kolonisation begann: aus dem Norden, aus dem Westen oder aus dem Süden. Aus welcher Richtung sie kamen (Griechenland, Bulgarien usw.), weiß man nicht genau, aber was man weiß, ist die Tatsache, dass sie aus Deutschland nach Siebenbürgen kamen. Weil sie sich an der südlichen Grenze des Landes ansiedelten, in der Gegend von Broos (Orăştie) bis Draas (Drăuşeni), entstanden hier viele tausend Höfe von Kolonisten. So entstanden auch die sogenannten Stühle: Broos (Orăştie), Mühlbach (Sebeş), Reußmarkt (Miercurea Sibiului), Hermannstadt (Sibiu), Leschkirch (Nocrich), Großschenk (Cincu), Reps (Rupea), Schäßburg (Sighişoara).

Weiterhin werden Fakten und Vorstellungen detailreich beschrieben, wie zum Beispiel, dass es trotz all der umstrittenen Fragen eine historische Tatsache ist, dass Siebenbürgen durch Sachsen, Flandrer und Wallonen besiedelt wurde. Es ist kein Wunder, dass man gerne in Ungarn siedelte, denn hier gab es all die Voraussetzungen für ein gutes Lebensniveau, hier gab es Flüsse, Wälder, fruchtbare Äcker. Denn da das ungarische Volk die Erfahrungen der Siedler gebrauchen konnte, hat man sie in Ungarn froh empfangen. Die Siedler trugen zu dem Zivilisationsprozess des Landes bei und deshalb erhielten sie mehrere Privilegien im Land. Sie mussten keine Steuern bezahlen, sie durften ihren eigenen Richter und ihren eigenen Pfarrer wählen und mussten keinen militärischen Wehrdienst leisten.

 

Dafür aber sollten sie im Krieg an der Seite des ungarischen Königs kämpfen, aber ihre Aufgabe war nicht nur kriegerisch, sondern hatte auch einen gesellschaftlichen Aspekt. Sie sollten das Land bebauen, Städte und Dörfer gründen, im Bergbau arbeiten.

Der Autor befasst sich ausführlich mit den weiteren historischen Fakten, so mit den  Überfällen der Kumanen in Siebenbürgen im 13. Jahrhundert. Im Kampf zwischen Ungarn und Byzanz ging es um die Macht auf dem Balkan. Ungarn brauchte wieder Hilfe von außen, und so rief König Andreas II. den deutschen Ritterorden aus Thüringen nach Siebenbürgen. Er half dem König und bekam dafür Gebiete und viele Rechte. Dadurch ist es kein Wunder, dass in Siebenbürgen wieder neue Ortschaften entstanden, wie Kronstadt, Nussbach, Rothbach, Marienburg, Brenndorf, Heldsdorf, Honigberg, Tartlau, Petersberg, Zeiden, Weidenbach, Neustadt und Rosenau. Die Zuverlässigkeit der Daten ist gesichert, dank der vom Autor bearbeiteten zahlreichen bibliographischen Werke.

Die Idylle der Freundschaft zwischen dem ungarischen König und dem deutschen Ritterorden ging schnell zu Ende, meint Baumgärtner. Der Grund war das Überschreiten der zugewiesenen Grenzen durch den Orden. Dies hatte den Widerruf der Schenkung des Burzenlandes durch den König zur Folge. Es wird darauf hingewiesen, dass der Orden das Wohlwollen des Königs ausnutzen wollte, aber dies hatte zur Folge, dass die Ordensmitglieder das Land verlassen mussten.

Im zweiten Teil des Buches kehrt der Autor zur Frage der Herkunft der Deutschen in Siebenbürgen zurück. War es die Folge der geisanischen Ansiedlung? Wurde zuerst Südsiebenbürgen oder Nordsiebenbürgen besiedelt? Eines ist sicher, die ersten deutschen Einwanderer kamen bereits unter König Stephan nach Ungarn. Es ist kein Zufall, dass gerade aus Bayern viele Siedler kamen, denn die Frau von Stephan I. war die Schwester Kaisers Heinrichs II. Damals wurde der nördliche Teil des Landes besiedelt.

Das sich auf dem Buchdeckel befindende Bild weist auf die Landschaft Siebenbürgens hin, auf die Landschaft eines Landes, das von Flüssen, Strömen, Wäldern durchquollen ist. Diese naturtreue Landschaft wurde in den kämpferischen Zeiten der grausamen Geschichte vor allem von den Felsen der Karpaten geschützt.

 

Wenn ein Laie die Geschichte der deutschen Siedler Siebenbürgens kennenlernen möchte und ein leicht nachvollziehbares Bild über ihre Herkunft bekommen möchte, kann ich ihm dieses Buch von W. A. Baumgärtner nur empfehlen.         . 


Kiss Ilona-Borbála, Doktorandin                                                           Debrecener Universität
Ungarische und vergleichende Literatur
01. September 2011.   

Mit Rucksack und Wanderstock



 

Neuerscheinung im Schiller Verlag


Zu Fuß durch Siebenbürgen zu ziehen, ist für viele Menschen unvorstellbar. Joachim Gremm hat den Schritt gewagt und ein Buch darüber geschrieben. Mit Rucksack und Wanderstock zieht er von Hermannstadt aus zu den Dörfern der Region und erschließt dem Leser die Schätze des Landstrichs.

„Siebenbürgische Wanderung. Zu Fuß zu Kirchenburgen und stillen Dörfern“ schildert die Erlebnisse Gremms während seiner Reise. Lebhaft beschreibt er die ehemals deutschen Dörfer, die Bewohner und nicht zuletzt deren Gastfreundschaft. Diese idyllische Szenerie, angesiedelt inmitten einer unberührten Natur, fesselt den Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Daneben bietet das Buch auch einige Einblicke in die siebenbürgische Geschichte.

 

Gremms Reise beginnt am Bahnhof in Hermannstadt und führt ihn durch Orte wie Zied, Schönberg Jakobsdorf, Birthälm und vielen weiteren, bis er schließlich wieder nach Hermannstadt zurückfindet und seine Reise dort beendet. Unterwegs widmet er sich im besonderen Maße den Kirchenburgen Siebenbürgens, die er eindrucksvoll beschreibt. Die Intensität, mit der Gremm die Umgebung schildert, mag daher kommen, dass die Wanderung die langsamste aller Reisearten ist. Deshalb bietet sie wohl auch die intensivste Form des Erlebens. Farbfotografien sowie eine Karte mit eingetragener Wanderroute runden das ganze ab und machen das Buch authentisch.
„Siebenbürgische Wanderung“ lädt den Leser ein in einen malerischen Landstrich und eignet sich gerade deshalb auch gut als Reiseführer. Und wer dazu nicht die Möglichkeit hat, kann Gremms Buch auch gemütlich zu Hause lesen und sich auf eine imaginäre Reise durch Siebenbürgen begeben.

 

Das Buch ist inzwischen auch im elektronischen Format (e-book) erhältlich.

 

Sophie THOM, Hermannstädter Zeitung Nr. 2226/1. April 2011-04-05

 

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Blinde Forellen und anderes Gemüse



Maria Schneider, oben, bei der Vorstellung des Kochbuches im Büchercafe ERASMUS (Foto: Anselm Roth)

 

Brigitte Ina Kuchars „Siebenbürgische Küche“


Der Schiller Verlag Hermannstadt bringt bereits den zweiten siebenbürgischen Kochbuchklassiker in einer Neuauflage heraus – nach dem „Siebenbürgischen Kochbuch“ von Martha Liess im Jahr 2007, das inzwischen in die 4. Auflage geht, folgt „Siebenbürgische Küche“ von Brigitte Ina Kuchar.

Als Brigitte Ina Kuchars Buch „Siebenbürgische Küche“ 1983 im Technischen Verlag Bukarest erschien, war ich vier Jahre alt und interessierte mich nicht fürs Kochen – abgesehen von meiner Puppenküche. Jetzt bin ich 32, mit einem guten Regalmeter Koch- und Backbüchern ausgestattet (von denen allerdings die Hälfte meinem Mann gehört) und halte die Neuauflage von Kuchars Buch in den Händen, Schiller Verlag sei Dank. In den 28 Jahren, die zwischen dem ersten und dem letzten Erscheinen dieses Buches liegen, habe ich unter anderem Zwiebelschnitzel und Reisfleisch, Tocană und Bertramsuppe, gekochtes Rindfleisch mit Tomatensoße und gefüllte Paprika, Kletiten und Brotkoch, gerollte Nusstorte mit selbst gemachter Buttercreme und verschiedenstes siebenbürgisches Kleingebäck gegessen. Ich bin zur Vegetarierin geworden, habe mich ein paar Jahre später entschieden, wieder Fisch und Meeresfrüchte zu essen (Fleisch steht nach wie vor nicht auf dem Speiseplan) und mich kulinarisch weit von Siebenbürgen entfernt. Einerseits. Andererseits ist mir der typisch siebenbürgische Hang zu allen Arten von Suppen geblieben, gibt es bei Familienfeiern zum Kaffee immer noch Ischler, gefüllte Waffeln, Harlekin und Co., mache ich Vinete mit selbst gerührter Mayonnaise und esse leidenschaftlich gern Mutters und Schwiegermutters Zacuscă aus eigener Produktion – wie praktisch, dass es sich um vegetarische „Lukullitäten“ handelt.

 

Was fange ich also mit der „Siebenbürgischen Küche“ von Brigitte Ina Kuchar an? Ich blättere und erinnere mich ... An die Tage, an denen ich nach der Schule zu meinen Großeltern ging und als Beilage zum Mittagessen grünen Salat mit Essig und Puderzucker bekam – eine seltsame Komposition damals wie heute. An die Suppe mit grünen Bohnen, zunächst mit Speck und später ohne fleischliche Zusätze gekocht, genauso wie die Bertramsuppe, deren Einlage zuerst kleine Speck- und später dann kleine Semmelknödel waren – ein Genuss! Überhaupt diese ganze „Knödelei“: Grießknödel in klarer oder Tomatensuppe, Zwetschgenknödel aus Kartoffelteig mit einer heißen, goldgelben Frucht in der Mitte, Topfenknödel, in Semmelbröseln gewälzt und mit Zucker bestreut – Knödel ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben.

 

Beim Blättern stellen sich allerdings nicht nur Erinnerungen an kulinarische Genüsse aus meiner Kindheit ein, ich bleibe auch unwillkürlich an bestimmten Rezepten „hängen“: Jungfernbraten in Butterteig, zweifarbiger Gemüsepudding, blinde Forellen, falscher Thunfisch, Elefantenwurst, errötendes Mädchen, Mimosenschnitten – was mag das wohl alles sein? Vor meinem geistigen Auge entsteht eine Art siebenbürgisches Schlaraffenland, in dem sich Tiere verkleiden, Gemüse wie ein Chamäleon die Farbe wechselt und alle Mädchen ein wenig empfindlich sind, dafür aber eine gesunde Gesichtsfarbe haben. Zwischen ihnen hantieren wieselflink und routiniert Köchinnen (und Köche!) in gestärkten und bestickten Schürzen mit Holzlöffeln und Kupfertöpfen. Welch reizvolle Vorstellung – ich bekomme sofort Lust, mich in die Küche zu stellen und zu experimentieren!

 

521 Rezepte – von Ägrischkaltschale bis Zwiebelsoße – finden sich in Brigitte Ina Kuchars „Siebenbürgischer Küche“, übersichtlich angeordnet in zwölf Kapiteln und mit einem alphabetischen Verzeichnis versehen, zudem „Kleine Küchenwinke“ und andere nützliche Tipps und Tricks rund ums Kochen, Backen, Konservieren und Aufbewahren. Ob ich mich durch alle 521 durchkoche? Am Wochenende versuche ich mich für den Anfang an einem gestürzten Obstkuchen (Rezept Nr. 417) – mal sehen, ob daraus eine kulinarisch wertvolle Erinnerung wird.

 

Doris Roth, Siebenbürgische Zeitung, April 2011


Brigitte Ina Kuchar, „Siebenbürgische Küche“, Schiller Verlag, Hermannstadt/Bonn, 2011, 350 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-941271-46-3.

 

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Das Dreijahresbuch des Bruk



Schuldirektor Gerold Hermann (oben)

Neues Jahrbuch des Samuel-von-Brukenthal-Gymnasiums ist erschienen

 

„Umso ernster ist unsere berechtigte Besorgnis zu nehmen, dass es nicht möglich sein wird, unsere Schule auch weiter auf diesem Niveau zu erhalten“, hieß es in den „Kirchliche(n) Blätter(n)“ Nummer 26 vom 25. Juni 1947.
  
Zweierlei Gründe gab es für diese Besorgnis damals. Erstens machte die materielle Bedrängnis des Lehrer- und Professorenstandes diesen Beruf „so wenig begehrenswert, dass es fast ganz am Nachwuchs fehlt“. Zweitens müsse die katastrophale wirtschaftliche Krise der Lehrkräfte unweigerlich zum Absinken der Leistungsfähigkeit führen. Das Höchstgehalt eines Lehrers betrug nach dem Krieg den Gegenwert von acht Kilogramm Maismehl. Heute, 21 Jahre nach der Wende, kann sich der jüngste Lehrer ganze 300 Kilogramm Maismehl von seinem Gehalt leisten. Stellt das den erwarteten Fortschritt dar, fragen die Herausgeber des 2011 im „Schiller-Verlag“ erschienenen „Jahrbuch(es) 2008 - 2010“ des Samuel-von-Bruken-thal-Gymnasiums in Hermannstadt/Sibiu.

 

Dieses Jahrbuch präsentiert die vielseitigen Tätigkeiten der Schüler und Professoren sowie die Erfolge, die trotz der schwierigen finanziellen Lage im rumänischen Bildungswesen und der gekürzten Gehälter der Lehrer in den vergangenen drei Jahren verzeichnet wurden. Die Publikation widmet sich nicht nur der Gegenwart der Schule: ihre Geschichte und die lateinischen Inschriften sowie Kurzbiografien von Samuel von Brukenthal und Georg Daniel Teutsch sind im historischen Teil des Buches nachzulesen. Neben den statistischen Daten aus dem Alltag der Schule ist ein großer Teil des Jahrbuches den Berichten der Eltern, Lehrer und Schüler eingeräumt. „Gerade diese Seiten zeigen, was wir unter Traditionspflege verstehen: Schule als Lebensraum mit einem weitreichenden Angebot jenseits der Pflichtstunden“, erklärt Direktor des Gymnasiums, Gerold Hermann, im Vorwort. Die Teilnehmer an kleineren und größeren Ausflügen beschreiben ihre Erlebnisse in Diemrich/Deva, London oder Pele{. Austauschschüler bewerten ihren Aufenthalt an den Schulen in Deutschland und am Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt. Der Terminkalender stellt in Bildern die wichtigsten Ereignisse von Juni 2008 bis Dezember 2010 vor. Die Klassenfotos helfen die Erinnerung an Schuljahre festzuhalten.

 

Das „Jahrbuch 2008 - 2010“ des Samuel-von-Brukenthal-Gymnasiums ist sowohl in den deutschsprachigen Buchhandlungen in Hermannstadt als auch zu einem reduzierten Preis (40 Lei) in der Bibliothek des Gymnasiums erhältlich.

Andrei Kolobov, ADZ vom 24.03.2011

 

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Noch trifft man sie...



Joachim Gremm (oben, Foto: DAA Wirtschaftsakademie)

Joachim Gremm veröffentlicht im Schiller-Verlag seine „Siebenbürgische Wanderung“


Es geht noch gemächlicher, noch eindrücklicher. Beschwor Joachim Gremm 2007 noch die Vorzüge einer Fahrradfahrt durch die siebenbürgische Hügellandschaft, durchstreifte er drei Jahre darauf mit Rucksack und Wanderstock diesen Landstrich. Seine Reisebeschreibung erschien jetzt im Hermannstädter Schiller-Verlag.

Vor der Burgmauer in Schönberg/Dealu Frumos steht eine ungewöhnliche Baumfamilie: „Eine hohe schlanke Eiche wird von einem engen Kreis kräftiger Kastanien umringt, ursprünglich müssen sie ein volles Dutzend gezählt haben. Man fühlt sich unvermeidlich an Jesus und die zwölf Apostel erinnert.“ Seien wir einmal ehrlich – haben wir jemals die Bäume vor der Schönberger Kirchenburg betrachtet? Wahrscheinlich nicht, Gremm aber beobachtet auf seiner Wanderung von Porumbacu de Jos über Agnetheln/Agnita und Birthälm/Biertan bis nach Marktschelken/Seica Mare genau und bietet dem ortskundigen Leser immer wieder Aha-Erlebnisse dieser Art.

Tatsächlich richtet sich dieses Wandertagebuch in erster Linie an nichtsiebenbürgische Leser. Wie in seinem Erstlingswerk verknüpft Gremm seine Beobachtungen und Begegnungen mit der Geschichte von Land und Leuten. Mal erzählt er selbst, mal lässt er berichten, beispielsweise „aus der Kirchturmperspektive“.

Viel Raum räumt Gremm dabei den Siebenbürger Sachsen ein, nicht zuletzt, weil es einst ihre Dörfer waren, die er erwandert und die Pfarrhäuser ihrer Geistlichen, in denen er den Großteil seiner Nächte verbringt. Er trifft die verbliebenen Sachsen, teils bereits bekannte Gesichter seiner früheren Reisen. Er kommt mit Sommersachsen ins Gespräch und sinniert über die Eigenheiten dieses Volkes, das die Gegend über Jahrhunderte prägte („Besonders gern plauschen sie über sich selbst.“).

Dabei zeigt er unverhohlen sein Interesse für dieses schwindende Völkchen. „Wie die meisten der Betreuer der Siebenbürger Kirchenburgen geht sie (Frau Herbert) auf die 80 zu, vielleicht ist sie gar drüber hinweg. Dies war ein Hauptbeweggrund dafür, dass ich mit meiner Kirchenburgenwanderung nicht mehr warten wollte. Noch trifft man sie, die sächsischen Großmütter und Großväter, die als Kinder und Jugendliche die ‘gute alte sächsische Zeit’ vor 1945 miterlebt haben.“

Seine Erlebnisse teilt Gremm wie schon in seinem Erstlingswerk – der 2008 im Schiller Verlag herausgegebenen „Siebenbürgischen Reise“ – in schnörkelloser, bildreicher Sprache mit. Der Leser wird den Eindruck nicht los, den Autor gerade bei seiner Wanderung zu begleiten. Zu lebendig, zu leidenschaftlich sind die Beschreibungen der ursprünglichen Natur, der historischen Orte und ihrer bodenständigen Bewohner. Man merkt, dass hier ein echter Siebenbürgen-Fan am Werke war, der sich sorgfältig auf seine Reise vorbereitet hat.

Die Literaturliste am Ende des Buches gibt einen Fingerzeig auf Gremms Lesestoff – von Hermann Fabini bis Harald Roth, aber auch mit dem selbsternannten Dornenpriester Don Demidoff beschäftigte er sich. Zur Orientierung enthält das Buch eine Karte, auf der Gremms Reiseroute eingetragen ist. Diese ersetzt wegen ihrer geringen Größe jedoch keine richtige Landkarte. Ein Ortsnamenregister listet die erwähnten Ortschaften mit ihrer deutschen und rumänischen Bezeichnung auf. Im Innenteil illustrieren auf 16 Seiten Fotos das Beschriebene.

Das 164-seitige Reisetagebuch von Joachim Gremm ist unterhaltsame Lektüre. Wer die „Siebenbürgische Reise“ mochte, wird auch dieses Buch gern lesen. Wer eine Reise durch Südsiebenbürgen plant, dem sei das Büchlein ans Herz gelegt.

Die „Siebenbürgische Wanderung. Zu Fuß zu Kirchenburgen und stillen Dörfern“ (978-3941271487) ist im März im Schiller-Verlag erschienen. Das Buch ist zum Preis von 59 Lei in den deutschsprachigen Buchhandlungen erhältlich.

 

Holger Wermke, ADZ vom 26.03.11

 

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Katalog eines Lebenswerkes



Peter Jacobi (unten) in einer siebenbürgischen Dorfkirche (Foto: Evenimentul Zilei)

Anlässlich des 75. Geburtstages von Peter Jacobi erschien ein umfangreicher Ausstellungskatalog

 

Er ist Bildhauer, Maler und Fotograf . In über vier Jahrzehnten schuf Peter Jacobi ein Werk, das anlässlich seines 75. Geburtstages mit einem Ausstellungskanon in Pforzheim gewürdigt wird. Begleitend wurde im Dezember 2010 ein fast 300 Seiten starker Katalog veröffentlicht.

 

Vier Ausstellungen versuchen zwischen Dezember 2010 und August 2011 das „große und facettenreiche“ Werk Jacobis darzustellen, wie die Kuratorinnen Isabel Greschat, Gerhard Baral, Bettina Schönfelder und Ulrike Pia Moosmann im Vorwort zum Katalog schreiben. Der Katalog rundet als bleibender Teil das Gesamtprojekt ab. Auf 272 Seiten versuchen die Kuratorinnen gemeinsam mit dem Künstler, das Schaffen Jacobis darzustellen, was ihnen durchaus gelingt, den Betrachter jedoch zur Muße zwingt. Denn der großformatige Katalog beinhaltet eine schier übergroße Menge an Skizzen, Plänen, Atelierszenen und Inspirationsquellen.

 

Den Bildern werde ein klarer Vorrang eingeräumt, heißt es erklärend zu Beginn der „visuellen Reise“, auf die der Leser sich einlässt. „Abwesend anwesend. Nachdenken über Erinnerung“ heißt die erste Station des Buches. Vergänglichkeit, Spurensuche und Erinnerung sind die zentralen Themen, die der Leser immer wieder entdecken wird. Auf die Fotografien von Westwall oder ehemaligen Bunkern folgen die Kapitel „Skulpturales Sehen“ und „Denkmale“, in denen das skulpturale Werk Jacobis, seine fotografischen Erinnerungsreisen durch Siebenbürgen sowie die textilen Wandreliefs aus der Anfangszeit seines Schaffens gezeigt wird. Die begleitenden Texte stammen von Dorothée Bauerle-Willert, Isabel Greschat und Bettina Schönfelder.

 

Ein Höhepunkt der künstlerischen Arbeit Jacobis findet der Leser versteckt im Kapitel „Denkmale“. Umfangreich dokumentiert ist hier der Entwurf des Bukarester Holocaust-Denkmal – für den 1935 in Ploie{ti geborenen einer der Marksteine. Die in das Mahnmal integrierte Säule der Erinnerung widerspiegelt die Bewunderung Jacobis für die Arbeiten des Bildhauervorbildes Constantin Brâncun{i.

 

Die „visuelle Reise“ verläuft unchronologisch, so das der mit Jacobis Arbeiten nicht vertraute Leser Mühe hat, seine Werkentwicklung nachzuvollziehen. Anstrengend und umständlich wird es für den Betrachter, wenn er sich die zahlreichen Fotos nicht nur anschauen, sondern auch erfahren möchte, was er sieht. Die Herausgeber platzieren das Bildverzeichnis im hinteren Teil des Buches, so dass das umständliche Blättern ein treuer Begleiter ist während der „Reise“. Jacobis biografische Daten und eine Bibliographie zu Jacobi beschließen das Buch.

 

Der Katalog (ISBN: 978-3868281965) ist 2010 im Kehrer Verlag Berlin und Heidelberg erschienen. Das 272-seitige Buch kann in den Hermannstädter Buchhandlungen Erasmus und Schiller sowie bei Kastell in Mediasch erworben werden. Der Preis beträgt 125 Lei. 

 

Holger Wermke, ADZ, Februar 2011

 

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Peter Jacobi, omagiu la o aniversare



Ilina GREGORI schreibt im OBSERVATOR CULTURAL 22 nr. 303 (561) 3-9 februarie 2011 über den neuen Katalog von Peter Jacobi:

 

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„Ein historischer Glücksfall“



 

4. Band der Geschichte Siebenbürgens von Wilhelm Andreas Baumgärtner


„Was auf der einen, weltlichen Seite, ein Unglück war - der Staatskollaps Ungarns -, entpuppte sich auf der anderen, der kirchlichen, für die Reformwilligen als ein historischer Glücksfall. Unhistorische Fragen drängen sich auf. Wenn der ungarische Ständestaat nicht unter dem türkischen Ansturm zusammengebrochen wäre, hätten die Siebenbürger Sachsen Luthers Ideen trotzdem so schnell umsetzen können?“ fragt der Historiker Wilhelm Andreas Baumgärtner im Vorwort zu seinem Buch „In den Fängen der Großmächte“.

Das Buch trägt den Untertitel „Siebenbürgen zwischen Bürgerkrieg und Reformation“ und erschien kurz vor Jahreswechsel als Band 4 der Geschichte Siebenbürgens im Schiller Verlag. Der erste Band - „Der vergessene Weg“ - war der Einwanderung der Sachsen in Siebenbürgen gewidmet, der zweite - „Eine Welt im Aufbruch“ - den Siebenbürger Sachsen im Spätmittelalter und der dritte - „Im Zeichen des Halbmonds“ - beschäftigte sich mit Siebenbürgen zur Zeit der Türkenkriege.

 

Der vorliegende Band ist wie auch seine Vorgänger kurzweilig geschrieben. Anschaulich geht der 1952 in Hermannstadt geborene Historiker und Publizist Wilhelm Andreas Baumgärtner u. a. der Frage „Wie entstand das Fürstentum Siebenbürgen?“ nach und schlußfolgert: „Ungarns Niedergang ermöglichte Transsylvaniens Aufstieg. Das Waffengeklirr der osmanischen Heere konnte niemand überhören. Sie überrannten den Balkan, sie überrannten Ungarn, sie wollten den ‘goldenen Apfel’ Wien pflücken. Dieser große Konflikt zwischen Abend- und Morgenland mit den zahlreichen Kriegen, die man im Westen die Türkenkriege nennt, erreichte 1526 mit der Vernichtung Ungarns und 1529 mit der Belagerung Wiens seine ersten Höhepunkte. Zeitumstände und nicht planvolle Absicht führten dazu, dass aus Siebenbürgen, dieser Provinz des ungarischen Reiches, ein (beinahe) selbstständiger Staat wurde.“

 

Anders als in Deutschland, wo die Reformation im Frieden begann und in den Dreißigjährigen Krieg „mündete“ begann sie in Siebenbürgen im Krieg und verlief friedlich, stellt Baumgärtner fest.

 

Der Band verfügt im Anhang über ein Verzeichnis der Regierenden, ein Literatur-, ein Personen- und ein Ortsverzeichnis und enthält auch graphisch einwandfrei gestaltete historische und aktuelle Farbaufnahmen von den Orten des Geschehens.

 

Beatrice UNGAR, Hermannstädter Zeitung, Januar 2011

 

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Tourismuswerbung auf 16 Seiten



Ein Rundgang auf 16 Seiten durch Michelsberg und seine Burg.

Schiller Verlag veröffentlicht Broschüre über Michelsberg


Nach Birthälm/Biertan hat nun auch das bei Hermannstadt/Sibiu gelegene Michelsberg/Cisnadioara seine eigene kleine Broschüre bekommen. Das 16-seitige Heftchen informiert Touristen und Gäste über die Sehenswürdigkeiten des Ortes. „Michelsberg und seine Burg – Ein Rundgang“ lautet der Titel, wobei die Autoren eher die Burg und Michelsberg hätten titeln müssen. Der Hauptattraktion des Dorfes widmen die Urheber der Broschüre ganze 13 Seiten.

 

Aus der Luft nähert sich der Leser dem dorfbildprägenden Bauwerk auf seinem Hügel – die Luftbilder stammen von Florian Straußberger – und dem Dorf. Natürlich dürfen einige Bemerkungen zur Geschichte der Siebenbürger Sachsen nicht fehlen, dann jedoch steht einzig die um 1200 erbaute Burg im Mittelpunkt. Das romanische Bauwerk gibt zeigt sich von allen Seiten, das bemerkenswerte Westportal präsentiert sich in voller Schönheit auf einer Doppelseite. Zum Ende finden auch die evangelische Dorfkirche sowie einige Informationen zur Geschichte des Dorfes Erwähnung. Die Texte sind kurz und verständlich geschrieben, der Leser wird vielmehr anhand der zahlreichen Fotografien durch die Broschüre geführt.

 

In Auftrag gegeben wurde die Broschüre (ISBN: 978-3941271418) von der evangelischen Kirchengemeinde Michelsberg, Anselm Roth vom Hermannstädter Schiller Verlag zeichnet verantwortlich für die redaktionelle Bearbeitung sowie die Fotos. Das Heft ist auf Deutsch, Rumänisch und Englisch erschienen. Erworben werden kann sie für 9 Lei in den Buchhandlungen Erasmus und Schiller in Hermannstadt, künftig soll sie auch an Michelsberger Kiosken und am Aufgang zur Burg erhältlich sein.



Holger Wermke, ADZ, 7.10.10


Neuauflage topografischer Blätter



Überarbeitete Militärkarte des Hermannstädter Umlandes

Karte „Hermannstadt und das Alte Land“ im Schiller Verlag erschienen


Mit „Hermannstadt und das Alte Land“ veröffentlichte der Schiller-Verlag kürzlich seine zweite topografische Teilkarte Siebenbürgens. Die Karte im Maßstab 1 : 50.000 ist eine ist eine Neuauflage der topographischen Blätter der Bukarester Direktion für Militärische Topografie/Directia Topografica Militara. Der Bearbeitungsstand datiert ungefähr im Jahr 1980, allerdings aktualisierte der Verlag Straßenverläufe und Stauseen, außerdem wurden deutsche Ortsnamen eingefügt. Eingetragen sind darüber hinaus touristische Wanderrouten wie der Brukenthal-Wanderweg sowie die von der Bergwacht „Salvamont“ markierten Wanderwege. Abgedeckt wird ein Gebiet mit einem Radius von 30 bis 40 Kilometern rund um Hermannstadt/Sibiu. Dies entspricht – anders als der Titel suggeriert – nur einem Teil des Alten Landes, das je nach Betrachtungsweise das gesamte Gebiet der ursprünglichen Sieben Stühle von Broos/Orastie bis Draas/Drăuşeni umfasst, oder, wie es Georg Gerster und Martin Rill abgrenzen, den Landstreifen zwischen Großau/Cristian bis Kerz/Cârta und Michelsberg/Cisnadioara bis Stolzenburg/Slimnic. Die genannte Karte geht im Westen über Großau hinaus bis fast nach Großpold/Apoldu de Sus, im Osten bis Porumbacu de Jos. Die Gebirge im Süden – das Lauterbach-/Muntii Lotrului, Zibins-/Muntii Cindrel und das Fogarascher Gebirge/ Muntii Fagaras werden leider nur in ihren Ausläufern erfasst, obwohl sich gerade hier beliebte Wanderreviere befinden. Warum wurde nicht die unbedruckte Rückseite der Karte mitverwendet? Der nördliche Teil der Karte deckt das Gebiet von Urmenen/Armeni im Westen über Reußen/Rusi bis Alzen/Altâna im Osten ab.


Die Karte (ISBN: 978-3941271395) kann in der Schiller- beziehungsweise Erasmusbuchhandlung in Hermannstadt oder direkt beim Schiller Verlag erworben werden. Der Preis beträgt 25 Lei.

 

Holger Wermke, ADZ, 6.10.10

 

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Geschichtegeschichtchen im Schatten der Wehrmauer



Die Kinderbuchautorin Anne Junesch signiert ihre Bücher für ihre jungen Leser in Nürnberg.

Das jüngste Kinderbuch von Anne Junesch: „Familie Mausewitz“


Durch die alte sächsische Wehrmauer vor Straßenlärm und Erschütterungen geschützt leben einige Mäuse, Igel, Maulwürfe ... Wie bereits das „Ameisenvolk“ wurde der aktuelle Mäuse-Clan nebst Nachbarn mit besonderem Charme und Witz von Elke-Maria Klein illustriert: bunt und fröhlich.


Die Geschichte „Familie Mausewitz“ handelt von tapferen Mäuslein, die genau am 14. August 1708 die Mühlbacher von einer Kurutzenbesatzung befreit haben. Diese Plünderer wären noch schlimmer als die Tataren gewesen – aber wer kann das vergleichen? Die Autorin schildert die Umstände der Plünderung und Belagerung nicht direkt, sondern lässt sie im Gartenpalaver der Kleintiere zur Sprache kommen. Jede Figur der stabreimenden „Ehepaare“ trägt mir ihrem Wissen und ihren Fragen bei. So sehen wir im Vordergrund ein Kleinstadtkränzchen, das gerne Saft trinkt und von Gitterkuchen bis Obsttorte so manche Köstlichkeit verzehrt. Dabei wird die unerhörte Begebenheit von vor 300 Jahren besprochen. Zuletzt beschließen die Stadtmauergartenbewohnerinnen und -bewohner, dass die alten Geschichten aus den dicken Büchern nicht vergessen werden sollten und ein Gedenktag eine gute Sache wäre. Das Wichtigste dabei: sich darüber zu freuen, dass jetzt friedliche Zeiten sind.


Für Kinder könnte Einiges im Buch nicht leicht zu verstehen sein aber dafür ist auch Manches klar und drastisch: Ein splitternackter Pfarrer wird samt ebensolcher Gemeinde in der Kirche eingesperrt! Mehr noch als das Selberlesen könnte es dem jungen Publikum bringen, wenn zum Beispiel die Großeltern ihnen das Büchlein ausdrucksvoll und augenzwinkernd vorlesen oder mit Handpuppen nacherzählen.

In „Schnatterinchen“, der zweiten Geschichte in dem Buch, verbindet Anne Junesch wieder Geschichtsbewusstsein einerseits (es wird ein Gedenkstein für die im Krieg Gefallenen und in Russland Verschollenen und Verstorbenen eingeweiht) mit liebevoller Tierschilderung andererseits. Dass das Entenmädchen Schnatterinchen zum Schluss winkt, das tröstet über die stolpernden Stöckelschuhfrauen hinweg.

 

Gerhild Rudolf, Hermannstadt (erschienen in der ADZ vom 15.12.2010)

Anne Junesch, Familie Mausewitz, Honterus Verlag Sibiu/Hermannstadt 2010, ISBN 978-973-1725-61-1, Lei 14 / 3,50 EUR (Erasmus)

 

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Ein Leben in Verantwortung



Schriften aus dem Nachlass und Nachdrucke von Bischof Friedrich Müller

 

von Hannelore Baier (ADZ)

 

Das Buch hätte 2009 erscheinen sollen. In jenem Jahr jährte sich zum 125. Mal der Geburtstag und zum 40. Mal der Todestag von Friedrich Müller-Langenthal (1884-1969), dem Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien zwischen 1945 und 1969. Die Veröffentlichung kam schließlich im Dezember 2010 zustande: Unter dem Titel „Aus Verantwortung für die Kirche“ gab Gerhard Schullerus Schriften aus dem Nachlass und Nachdrucke von Bischof Friedrich Müller heraus. In der Verwaltung von Dr. Gerhard Schullerus, ehemals Bischofsvikar und vor seiner Emeritierung Stadtpfarrer von Heltau/Cisnadie, befindet sich der Nachlass von Bischof Friedrich Müller. Erschienen ist das Buch im Hermannstädter Schiller Verlag.


In die Schriftensammlung hat Dr. Schullerus insgesamt 15 Texte aus den Jahren 1942 bis 1969 aufgenommen. Die Mehrzahl stammen aus der Feder von Friedrich Müller, doch nicht alle: in zwei Fällen handelt es sich um Besprechungen von zwei Aufsätzen Müllers, die unter dem Titel „Geschichtswirksamkeit des Evangeliums in seinem lutherischen Verständnis“ 1956 im evangelischen Verlagswerk in Stuttgart erschienen waren. Über diese Veröffentlichung hatten seinerzeit Paul Philippi und Hermann Ullmann in der „Ökumenischen Rundschau“ bzw. „Christ und Welt“ geschrieben. Sechs der Texte sind Nachdrucke aus den 1995 im Böhlau und Kriterion-Verlag veröffentlichten „Erinnerungen 1944-1964“, wurden aber erneut aufgenommen um zu „... zeigen, wie Bischof Friedrich Müller aus Verantwortung für die Kirche gebetet, im Glauben gelebt und aus ihm heraus gehandelt hat,“ so der Herausgeber. Das Buch schließt mit der Predigt, die Bischofsvikar Hermann Binder bei der Trauerfeier für Bischof Müller gehalten hatte.


Zu den erstmals abgedruckten Texten Müllers gehören seine 1942 (als Bischofsvikar),  verfassten Ausführungen zu Sinn und Bedeutung der „Bekenntnisse“ im Zusammenhang mit dem Ordinationseid der Amtsträger sowie jene zum „Glaubensgrund unserer Kirche“. Das Buch enthält als Erstveröffentlichung aus dem Nachlass die Rede zum 100. Geburtstag von Bischof Friedrich Teutsch, gehalten im September 1952 in der Klosterkirche in Schäßburg/Sighi{oara. Unter den Nachdrucken aus den „Erinnerungen“ befindet sich das Rundschreiben aus dem Oktober 1944 an die Bezirkskonsistorien, Presbyterien und Pfarrämter betreffend Vorkehrungen zur Fortführung des gottesdienstlichen Lebens aber auch das Schreiben von Bischof Müller von 1961 an den Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland, in dem er bittet, den für die evangelische Kirche in Rumänien befähigten Pfarrern und Pfarrvikaren die umsiedeln, die Bewilligung zum Pfarramt in den Gemeinden der Evangelischen Kirchen Deutschlands nicht zu erteilen.

 

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Schriften des Bischofs Friedrich Müller II. herausgegeben



Dr. Gerhard Schullerus

Dr. Gerhard Schullerus: „Aus Verantwortung für die Kirche“ / Von Gerhard Wagner (ADZ)

 

Auf rund 120 Seiten lässt der Herausgeber Dr. Gerhard Schullerus seinen Schwiegervater Bischof Friedrich Müller II. in chronologisch angeordneten Dokumenten zu Wort kommen und gewährt so dem Leser tiefe punktuelle Einblicke in die siebenbürgisch-sächsische Problematik der 40er bis 60er Jahre: Da musste den antichristlichen Verführern brauner und roter Art gewehrt werden, aber wie sie von Christen unterscheiden? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, rät Jesus. Doch zwischen Aussaat und Ernte vergeht Zeit und es geschieht vieles; woran soll man sich da halten? Gibt es göttliche Offenbarung auch außerhalb des in Buchstaben gefassten Wortes der Bibel? Ist Gott nur dort, wo es der Selbstgefälligkeit des Menschen schmeichelt? Ist Kirche eine Funktion des Volkes? Gibt es Systeme des öffentlichen Lebens, die für Christen grundsätzlich inakzeptabel sind? Warum wird mancher Generation so viel Leid zuteil, während andere davon verschont bleiben? Warum bewirken die technischen Errungenschaften nicht ein glückliches Zeitalter, warum sind Ansammlungen von Kapital wie auch kollektive Enteignungen so gemeinschaftszerstörend? Wo sind die Grenzen der zumutbaren Bedrägnisse für Christen?

 

Lauter Fragen, die in jenen Jahrzehnten alles andere als theoretisch waren und deren Beantwortung sowohl für Frager als auch für Gefragte meistens existenzielle Folgen hatte. Bischof Müller II. hat darauf in Aufsätzen, Reden, Predigten, Rundschreiben und Briefen so geantwortet, wie er es aufgrund seiner tiefsten Glaubensüberzeugung und in Verantwortung vor Gott und für die Kirche tun musste. Er hat es unter dem Einsatz all seines Könnens getan, manchmal auch unter Gefahr für Freiheit und Leben und ohne auf Anerkennung und Beliebtheit bei den Menschen zu warten. Die Früchte seines streckenweise recht mühseligen Ringens mit den widerstrebenden Kräften zeigten sich aber bald in Form von Rahmenbedingungen, die nicht nur das bloße Überleben der Sachsen als Gemeinschaft im Kommunismus ermöglichten, sondern auch manchen ihrer wertvollen kirchlichen, sozialen und kulturellen Strukturen in der neuen Zeit ihren Platz sicherten.

 

Die Auswanderung der Siebenbürger Sachsen hat Bischof Müller II. nicht verhindern können, obwohl das eines seiner zentralen Anliegen gewesen ist, aber er hat durch sein Wirken mit Sicherheit maßgeblich dazu beigetragen, dass die Sachsen unter dem kommunistischen Regime Rumäniens das bleiben konnten, als was sie heute in den Ländern, in die sie ausgewandert sind, in Erscheinung treten. Zu seiner Zeit das Rechte tun, erweist sich oft genau so förderlich wie eine visionäre Vorbereitung auf die Zukunft. Oft ist der Verfall von Werten, die uns teuer sind, letztendlich unvermeidbar, aber man kann ihn durch Mut, Treue und Beharrlichkeit bremsen, hinauszögern, abmildern und dadurch Zeit gewinnen, Lebenszeit, die man auf schöne Weise im vertrauten Umfeld zubringt. Das ist schon was. Und wer weiß, vielleicht kommt eine unerwartete Wendung und das Befürchtete bleibt aus. Solche Hoffnung als Triebkraft veredelt jedes Werk und verleiht ihm bleibenden Wert.

 

Das Buch ist im Schiller Verlag Hermannstadt Bonn 2010 erschienen und bietet außer Nachdrucken auch erstmalig veröffentlichte Schriften aus dem Nachlass von Bischof Friedrich Müller II. Erhältlich ist es ist in der Erasmus-Buchhandlung im Teutsch-Haus in Hermannstadt, Preis: 49 Lei.

 

 

Schäßburger Chronik erschienen



Chronologische Daten wurden durch alte Fotos ergänzt

 

Fragmente daraus waren bereits im „Deutschen Jahrbuch 2010“ erschienen, nun liegt die „Schäßburger Chronik“ von Friedrich Karl Johann Mild als Büchlein vor. Versehen wurde die Chronik mit Anmerkungen von Gernot Nussbächer, illustriert ist das Buch mit rund 60 Reproduktionen aus dem Fotoarchiv von Julius Misselbacher. Erschienen ist das Buch soeben im Hermannstädter Schiller Verlag.

 

Friedrich Karl Johann Mild (1881 – 1974), den alten Schäßburgern als Dr. Fritz Mild bekannt, war kein Historiker, sondern Beamter. Er hatte in Eperies/Presov (heute Slowakei), Klausenburg/Cluj, Berlin und München Jura studiert, promovierte in Debrecen und stieg beruflich vom Verwaltungspraktikanten über den Stuhlrichter (in Großschenk/Cincu) und Oberstuhlrichter in Schäßburg/Sighisoara zum Leiter der Verwaltungsabteilung der Präfektur auf. Den Schäßburgern ist er als Hobby-Historiker bekannt – er gab die Aufzeichnungen seines Onkels Wilhelm Mild „Zu Schäßburg Anno 1848“ heraus – sowie als Geiger im Sinfonischen Orchester.

 

Zu seiner Chronik schreibt Mild, er habe sie vor allem „für meine sächsischen Volksgenossen zusammengestellt“. Daten übernahm er u.a. aus der Chronik des Georgius Krauss oder dem Urkundenbuch des Kisder Kapitels von Karl Fabritius, die Angaben über Naturereignisse fand er in Aufzeichnungen seines Großvaters Daniel Hain, im Programm des Schäßburger Gymnasiums vom Jahre 1851/1852 abgedruckt. Wichtige Ereignisse aus dem 20. Jahrhundert setzte Mild dazu. „Nachdem es bisher niemand unternommen hat, sich näher mit der Geschichte meiner Vaterstadt zu beschäftigen, so versuche ich es,“ schreibt er über sein Vorhaben und fügt hinzu: „Diese Chronik ist ein vorläufiger Versuch, der keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und daher zu weiteren, vollkommeneren Arbeiten auf diesem Gebiet anregen soll.“

 

Die Chronik beginnt 1191 mit der Gründung von Schäßburg und endet bei Mild 1965/1966 mit dem Neubau der Schülertreppe – wozu Gernot Nussbächer die Überholung der alten Befestigungswerke durch die Kommission zur Erhaltung historischer Baudenkmäler (1966) hinzufügte.

 

Hannelore Baier, ADZ, November 2010

 

 

 

Floristischen Reichtum erfasst: Zum Buch „Wildpflanzen Siebenbürgens“



Prof. Laszlo Rákosy, Biologe, Zoologe, Jg. 1956, leitet den Lehrstuhl für Taxonomie und Ökologie an der UBB Cluj. Laszlo ist gebürtiger ungarischer Rumäne mit siebenbürgisch-sächsischen Wurzeln.

Im Atrium der größten Bibliothek Oberösterreichs in Linz wurde kürzlich das Buch von Elise Speta und Laszlo Rakosy „Wildpflanzen Siebenbürgens“ vorgestellt. Nach der Begrüßung des Auditoriums durch Dir. Dr. Christian Enichlmayr sprach Doz. Dr. Franz Speta, langjähriger Leiter des Biologiezentrums des Oberösterreichischen Landesmuseums, einführende Worte. Hierzulande sei der Begriff „Siebenbürgen“ bei jungen Leuten kaum bekannt, indes verbände man mit dem Terminus „Transsilvanien“ reflexhaft eine Horrorfigur, sagte der Ehegatte der Mitautorin. Sie hätten beide bereits 1968 Sieben­bürgen bereist und seither bestünde eine enge Freundschaft und Zusammenarbeit mit führenden Vertretern der Sektion Naturwissenschaften des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde. Deren Tagung fand dreimal in Österreich statt, zuletzt 1994 im Biologiezentrum von Linz. Ebendort war auch die sehr ­gelungene Ausstellung „Schmetterlinge Rumäniens“ 1996/97 zu sehen. Auf die jetzige Lage in Siebenbürgen eingehend, sprach Speta von einem „großen Kultur­verlust“ für das Land, der durch die Auswande- rung der Siebenbürger Sachsen entstanden sei.

 

Dr. Elise Speta zeigte in ihrem kenntnisreichen Kommentar zu der anschließenden Dia-Vorführung u.a. auch pharmazeutische und ethnobotanische Aspekte der präsentierten Blütenpflan­zen auf. Der Anstoß für die Erstellung dieses umfangreichen Werkes kam vor 13 Jahren von Univ.-Prof. Dr. Laszlo Rakosy. Er ist seit 2001 Leiter der Deutschen Abteilung der Fakultät für Biologie und Geologie, und seit 2004 auch Vorstand des dreisprachigen (rumänisch, ungarisch, deutsch) Lehrstuhls „Taxonomie und Ökologie“ an der Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg. Der somit „echte“ Siebenbürger hat sich als ­Entomologe auf die Ordnung der Schmetterlinge spezialisiert. Diese Insekten gelten, wie viele andere auch, als ökologische Anzeiger für die Wertigkeit von Biotopen, anders ausgedrückt, ob „die Natur“ noch in Ordnung ist. So beherbergt die Thorenburger Schlucht (Cheile Turzii) nicht allein etwa 930 Gefäßpflanzen, sondern auch über 1500 Schmetterlingsarten! Durch die Änderung der Landnutzungsformen, so Rakosy, etwa der Beweidung, verschwänden gewisse Pflanzenspezies, und in der Folge auch einige auf diese angewiesene Insektenarten. Einhergehend mit dem EU-Beitritt Rumäniens würde kaum mehr gemäht, da die Milcherzeugung in Deutschland und Österreich billiger käme. Dadurch nehme die Verbuschung vordem offener Flächen in einigen Gebieten überhand. Diese würde auch durch eine EU-Bestimmung betreffend die Wanderschäferei begünstigt, derzufolge Schafe die Straßen nicht mehr benützen dürften. Nachdem es bisher kaum eine aktuelle systema­tische Untersuchung über die Flora Siebenbürgens gab, schließt der vorgestellte Foto-Pflan­zenführer eine Lücke im naturkundlichen Schrift­tum über einen „etwas in Vergessenheit geratenen Landstrich“, wie es in der Einladung hieß.

 

Der Pflanzenführer enthält, nach fünf Blütenfarben gegliedert, die Beschreibung von 1116 Pflanzenarten, 1052 davon mit 1808 hervorragenden Abbildungen, und ist vornehmlich als Bestimmungshilfe für den interessierten Naturliebhaber gedacht. Bestimmungsmerkmale und Namen der Pflanzen wurden von der „Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol“ übernommen. Neben den üblichen morphologischen Erkennungsmerkmalen werden Standort, Häufigkeit und Gefährdungsstufe genannt. Natürlich wird auch der Endemitcharakter der Pflanzen erwähnt, also jene Arten, die ausschließlich im fraglichen Naturraum vorkom­men. Außer der relativ bekannten Königstein-Nelke wären solche etwa die Siebenbürgische Nachtviole, der Römer-Tragant oder auch die Fiederschnittige Blauflockenblume.

 

Vorangestellt sind dem Hauptteil botanische Grundbegriffe, ein Glossarium, ein kurzer Abriss über die Geschichte der botanischen Erforschung Siebenbürgens sowie eine Übersicht über den untersuchten Naturraum samt den Naturschutzgebieten als interessante Exkursionsziele (wie etwa die Klausenburger Heuwiesen/Fâne­ţele Clujului). Das Untersuchungsgebiet geht über die Grenzen der historischen Provinz Siebenbürgen hinaus und erfasst auch das Sathmarer Land, die Marmarosch und das Kreischgebiet.

 

Im Schlussteil vervollständigen eine „Liste aller Gefäßpflanzenarten Siebenbürgens“, alphabetisch nach Pflanzenfamilien geordnet, und die Register der lateinischen und deutschen Pflanzennamen dieses trotz seiner 622 Seiten noch handliche Bestimmungsbuch. Es ist wohl kein Zufall, dass dieses in jahrelanger Gemeinschafts­arbeit entstandene Werk im „Internationalen Jahr der biologischen Artenvielfalt“ erschienen ist. Es sollte helfen, die Naturschönheiten Siebenbürgens besser zu schützen, als es in vielen anderen Gegenden Europas leider der Fall ist. Denn, wie es an einer Stelle im Buch heißt: „es ist zu befürchten, dass der ‚Fortschritt‘ auch hier in kurzer Zeit die ursprüngliche Natur zerstören wird“.

 

Walter Schuller, SBZ-Online vom 28.08.10

 

Elise Speta/Laszlo Rakosy: „Wildpflanzen Siebenbürgens“, Eigenverlag, 2010, 622 Seiten, ISBN: 978-3-901479-57-1. Preis: 49,50 Euro.

 

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Jürgen Henkel (Hrsg.): Aus dem Glauben leben



Metropolit Serafim

Gesammelte Texte von Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa zur orthodoxen Theologie und Spiritualität

 

Hermannstadt/Sibiu und Bonn: Schiller-Verlag 2008 (= ACADEMIA / Veröffentlichungen der Evangelischen Akademie Siebenbürgen, Bd. VIII), 420 Seiten, 9 Abb., ISBN 978-3-941271-08-1


Rezensent: Wolfram Göll, München / Schwabach (aus: SÜDOSTEUROPA Mitteilungen, Heft 05/2009)

 

Wer die kirchliche, kulturelle, soziale und auch politische Landschaft in Südosteuropa, so auch in Rumänien, verstehen will, kommt um eine Beschäftigung mit der wirkmächtigen orthodoxen Kirche und ihrer Theologie und Spiritualität nicht herum. Die Sprachbarriere zum Russischen, Bulgarischen, Serbischen oder Rumänischen ist dem Dialog mit den orthodoxen Kirchen im Allgemeinen aber nicht gerade förderlich. Umso wichtiger sind Bücher zur orthodoxen Kirchengeschichte, Theologie und Frömmigkeit, die diese Sprachbarrieren überwinden. Dazu zählt zweifellos die vorliegende Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen, Hirtenbriefen und Ansprachen, Andachten und Predigten des Rumänischen Orthodoxen Metropoliten Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa. Metropolit Serafim zählt zu den bekanntesten und wichtigsten Repräsentanten und Botschaftern der Orthodoxie in der westlichen Welt. Der charismatische Seelsorger und Theologe betreut als Oberhirte seit 1994 die rumänischen orthodoxen Christen in Deutschland, Österreich, Luxemburg, Schweden, Norwegen und Dänemark. Er hat seinen Sitz seit 2001 in Nürnberg.

 

Der vorliegende Band ist eine ökumenische Freundesgabe der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) in Sibiu/Hermannstadt an Metropolit Serafim zu dessen 60. Geburtstag. Gleichzeitig ist es keine klassische Festschrift mit Texten anderer Autoren, sondern das Buch bietet wichtige Texte des Metropoliten zur orthodoxen Theologie und Spiritualität, zurÖkumene und zum Weltbezug der Orthodoxie, zum Verhältnis zu Europa und zur EU und zur Diakonie, die nach 1989 in Rumänien wieder ein verstärktes Anliegen der Orthodoxen Kirche ist. Die Hirtenbriefe zu Ostern und Weihnachten seit 2000 geben gleichzeitig einen Überblick zu wichtigen kirchlichen Ereignissen in Rumänien, auf die sie Bezug nehmen.

 

Die Bandbreite der hier verhandelten Themen ist sehr groß. Das von dem früheren Leiter der Evangelischen Akademie Siebenbürgen und evangelischen Publizisten und Theologen Dr. Jürgen Henkel herausgegebene Buch bietet das umfassende Material klar gegliedert. Nach Geleitworten von Patriarch Daniel(Rumänien), dem katholischen Bischof Josef Homeyer (Hildesheim) und dem bayerischen Landesbischof Johannes Friedrich (München) liefert der Herausgeber ein kundiges und das Handeln theologisch interpretierendes Lebensbild des orthodoxen Metropoliten (S. 19-28). Henkel beschreibt Metropolit Serafim als Vertreter der orthodoxen Gebetsfrömmigkeit des Hesychasmus, der die rumänische Orthodoxie besonders geprägt hat. Und er würdigt die große Aufbauleistung des Erzbischofs seit 1994, der mit neun Gemeinden startete und mittlerweile mehr als 50 Gemeinden zu betreuen hat. Metropolit Serafim steht fest in seiner orthodoxen Tradition und ist doch ökumenisch sehr involviert. Den bahnbrechenden Besuch von Papst Johannes Paul II. in Rumänien hat er hinter den Kulissen mit eingefädelt. Es wird immer wieder deutlich, dass dem Metropoliten die Ökumene des Gebets stets wichtiger ist als die Ökumene der Papiere und Konferenzen und dass er die europäische Dimension der Orthodoxie betont. In den Texten zur Ökumene setzt er klare Grenzen des Dialogs, bleibt aber gesprächsfähig.

 

Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich mit Ökumene und Orthodoxie, Rumänien und Südosteuropa beschäftigen. Wichtige religiös-christlich motivierte Mentalitätsprägungen werden nach der Lektüre des Bandes nachvollziehbar. Der Metropolit äußert sich auch zu kritischen Themen wie dem Verhältnis der Kirche zum Staat in der Zeit des Kommunismus und legt dar, wie sich die Sozialarbeit seiner Kirche nach 1990 entwickelt hat. Die Texte sind vom Herausgeber klug ausgewählt und redigiert, die Einsortierung in Kapitel überzeugt. Der Abschnitt zu „Spiritualität und Theologie“ (I., S. 31-130) bringt grundlegende Ausführungen zu zentralen Themen und Lebensfragen der Orthodoxie wie etwa das Jesusgebet, Askese und persönliche Spiritualität der Gläubigen, die Rolle der Gottesmutter in der orthodoxen Frömmigkeit oder auch das kirchliche Amt. Die Beiträge zu „Kirche und Gesellschaft“ (II., S. 131-216) zeigen Verhältnisbestimmungen zwischen orthodoxer Kirche und Staat in Rumänien sowie Europa. Hier werden auch Fragen wie nach der Bedeutung der kirchlichen Märtyrer des 20. Jahrhunderts für die politische Kultur des christlichen Glaubens orthodoxer Prägung behandelt. In den Texten zu „Orthodoxie und Ökumene“ (III., S. 217-264) äußert sich der Metropolit zu Chancen und Grenzen, Perspektiven und Problemen der Ökumene aus orthodoxer Sicht bis hin zu einer Bewertung der Dritten Ökumenischen Versammlung im September 2007 in Sibiu/Hermannstadt. – Der Anhang enthält Geburtstagsgrüße prominenter Persönlichkeiten aus Politik und Kirche vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Günter Beckstein über die Kardinäle Karl Lehmann (Mainz) und Miloslav Vlk (Prag) sowie EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber bis hin zu zahlreichen kirchlichen Institutionen.

 

So ist der vorliegende Band ein großer Gewinn nicht nur für Theologie und Ökumene, sondern für alle, die sich mit Südosteuropa und der Orthodoxie beschäftigen. Das Buch ist schön gestaltet bis hin zur Bildauswahl und der guten Druckqualität.

 

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Erzbischof Teodosie von Tomis / Hermann Schoenauer / Jürgen Henkel (Hrsg.): „Alle Diakonie geht vom Altar aus“ – Theologie und Praxis der Diakonie im ökumenischen Dialog



Beim festlichen Gottesdienst: (v.l.n.r.) Erzbischof Teodosie, Rektor Hermann Schoenauer, Akademieleiter Dr. Henkel beim Gottesdienst in Kontanza.

Hermannstadt/Sibiu und Bonn: Schiller-Verlag 2008 (= ACADEMIA / Veröffentlichungen der Evangelischen Akademie Siebenbürgen, Bd. X), 370 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-941 271-12-8

 

Rezensent: Wolfram Göll, München / Schwabach (aus: SÜDOSTEUROPA Mitteilungen, Heft 05/2009)

 

Die Diakonie gilt in allen Kirchen neben dem Gottesdienst als ein wichtiger Wesensvollzug der Kirche. Zugleich gibt es unterschiedliche Modelle und Traditionen der kirchlichen Sozialarbeit. Der orthodoxen Kirche in Südosteuropa wie in Russland wird dabei oft vorgeworfen, diesen Bereich kirchlichen Handelns in Theorie und Praxis weitgehend zu vernachlässigen. Das vorliegende Buch bietet nun erstmals eine vergleichende systematische Darstellung der Diakonie im kirchlichen Selbstverständnis und in der Praxis zwischen der evangelischen Kirche in Deutschland und der orthodoxen Kirche am Beispiel Rumäniens.

 

Gerade im Rahmen des Transformationsprozesses seit 1990 sind viele soziale Brennpunkte in Rumänien entstanden, auf die vor allem kirchliche und freie Wohlfahrtsträger mit diakonischen Aktivitäten und Projekten reagieren. Der Band versammelt renommierte Autoren der Evangelischen Kirche aus Deutschland und der Rumänischen Orthodoxen Kirche. Herausgeber sind der Rektor der Diakonie Neuendettelsau, Pfarrer Hermann Schoenauer, der orthodoxe Erzbischof Teodosie von Tomis (Konstanza) in der rumänischen Dobrudscha, der zugleich Professor und Dekan an der Orthodoxen Fakultät der Ovidius-Universität Konstanza ist, sowie der evangelische Theologe und frühere Leiter der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS), Pfarrer Dr. Jürgen Henkel.


Das Buch bietet einen vergleichenden Überblick zu den Begründungen und Ausformungen der Diakonie in beiden Kirchen. Wichtige rumänische Bischöfe wie der orthodoxe Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa, Erzbischof Teodosie selbst und Sozialbischof Vasile vom Bistum Vad, Feleac und Cluj (Klausenburg) äußern sich ebenso wie renommierte Kirchenhistoriker, Neutestamentler und Diakoniewissenschaftler sowie im Sozialbereich tätige Experten aus beiden Kirchen. Die Diakonie wird als gesellschaftlicher Auftrag, als „gelebte Praxis des Evangeliums“ verstanden und beschrieben, die jedoch an den Altar und die gottesdienstliche Versammlung der Gemeinde zurückgekoppelt bleiben muss. Die berühmte Aussage von Wilhelm Löhe, wonach „alle Diakonie vom Altar ausgeht“, erweist sich dabei als eine hilfreiche und wesentliche Grundlage für die Übereinstimmung zwischen evangelischer Diakonie und orthodoxer „Philanthropie“, wie mehrere Autoren des Bandes unterstreichen.

 

Das Buch zeigt, dass die Orthodoxie südosteuropäischer Prägung diakonisches Handeln ähnlich begründet wie die evangelische Kirche in Deutschland. Die theologischen und biblischen Grundlagen der Diakonie werden aus der Sicht der jeweiligen Kirche dargestellt und ihre historische Entwicklung in beiden Kirchen beschrieben. Besonders spannend sind die Ausführungen zum Wiederaufbau der kirchlichen Diakonie in der orthodoxen Kirche Rumäniens nach 1989, weil bis zur Wende der Kirche jegliche öffentliche oder institutionelle Sozialarbeit verboten war. Es ist interessant zu beobachten, wie viel die Rumänische Orthodoxe Kirche an diakonischen Einrichtungen nach 1990 wieder aufbauen konnte und welche Konzepte dahinter stehen. Auch wird deutlich, wie unterschiedlich die Finanzierung ist, denn der Staat unterstützt in Rumänien die kirchliche Sozialarbeit fast überhaupt nicht und ein funktionierendes Versicherungssystem zu einer Umlagenfinanzierung nach deutschem Vorbild existiert noch nicht wirklich.

 

Dafür hat die Rumänische Orthodoxe Kirche ihre diakonischen Strukturen wesentlich ausgebaut und professionalisiert, wie die Bischöfe und Daniel Benga, Kirchenhistoriker und Prodekan der Orthodoxen Fakultät in Bukarest, berichten. Heute gibt es zahlreiche Sozialeinrichtungen der Orthodoxen Kirche in allen rumänischen Bistümern und auch einzelnen Kirchengemeinden. Auf Bistumsebene gibt es eine Sozialabteilung, welche die Aktivitäten koordiniert. An elf der fünfzehn theologischen Fakultäten wird Sozialassistenz angeboten – ein eigenständiger Studiengang vergleichbar mit Sozialpädagogik und Diakoniewissenschaften, der zur Arbeit in kirchlichen und anderen Sozialeinrichtungen ausbildet. Von Armenküchen und Altenheimen, Kinderbetreuung für Kinder aus sozial schwachen Familien und Gratisapotheken bis zu eigenen kirchlichen Krankenhäusern und mehreren Betreuungsprojekten für Aids-Kranke reicht das Spektrum der orthodoxen Sozialarbeit heute. Der durchgehend zweisprachige Band dokumentiert auch das Sozialstatut der Rumänischen Orthodoxen Kirche vollständig im Wortlaut, das die Sozialarbeit der Kirche regelt und die institutionellen Voraussetzungen klärt.


Rektor Hermann Schoenauer plädiert in seinem Beitrag für einen starken Sozialstaat auchim künftigen Europa und entwickelt ein europäisches Sozialmodell. Jürgen Henkel benennt in seinem engagierten Aufsatz „Soziale Schieflagen als Herausforderung für kirchliche Sozialarbeit im Ländervergleich zwischen Rumänien und Deutschland“. Er plädiert für eine Kirche, die sich einmischt und soziale Missstände scharf kritisiert, gleichzeitig aber mit ihrer Diakonie sozialen Problemen auch praktisch entgegenwirkt, hehren Worten also Taten folgen lässt.

 

Der Band dokumentiert eine Tagung zum Thema vom April 2008 in Neuendettelsau, welche die Diakonie in Kooperation mit dem orthodoxen Erzbistum Tomis aus Rumänien und der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) damals veranstaltet hat. Das Buch ist reich bebildert. Die Fotos zeigen Stationen der 2007 geschlossenen Sozialpartnerschaft zwischen der Diakonie Neuendettelsau und dem orthodoxen Erzbistum sowie Eindrücke von der Tagung selbst. Es ist ein spannendes Buch entstanden für an der Orthodoxie sowie auch an der Sozialarbeit der Kirchen in Südosteuropa interessierte Leser. Sämtliche Beiträge sind zweisprachig. Der Band bietet einen wichtigen Brückenschlag zwischen evangelischer und orthodoxer Kirche im Bereich von Diakonie und kirchlicher Sozialarbeit und räumt mit einigen Vorurteilen über die orthodoxe Kirche auf.

 

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Anna Galon: Zwischen Pflicht und Kür



Anna Galon

Die Hermannstädter Zeitung und die Siebenbürger Sachsen im kommunistischen
Rumänien und nach der Wende

 

Hermannstadt / Bonn: Schiller-Verlag 2008, 166 Seiten, 20 s/w Abbildungen,
ISBN 978-3-941271-04-3

 

Rezensent: Jürgen Henkel, Selb-Erkersreuth (aus SÜDOSTEUROPA Mitteilungen, Heft 05/2009)

 

Gegründet 1968 als Feigenblatt der kommunistischen Minderheitenpolitik hat die »Hermannstädter Zeitung« (HZ) bis heute eine erstaunliche Entwicklung hinter sich gebracht (vgl. SOM Jg. 38, 4/1998, S. 377-379). Als einzige deutsche Regionalzeitung in Rumänien hat sie sich trotz Auswanderung und vieler praktischer Probleme nach 1989 als eigenständiges Blatt behaupten können. Im letzten Jahr konnte die HZ ihr 40-jähriges Bestehen feiern. Zu diesem Anlass hat die deutsche Journalistin und frühere HZ-Redaktionsassistentin Anna Galon jüngst im Hermannstädter Schiller-Verlag ein Buch veröffentlicht, das die Geschichte der Zeitung kundig und ohne falsche Wehleidigkeit darstellt und Hintergründe der Entwicklung aufzeigt.


Das sehr gut gegliederte und mit zahlreichen historischen Bildern und Reproduktionen von Zeitungsseiten aufwändig und sehr schön gestaltete Buch illustriert den Wandel des HZ-Journalismus in den vier Jahrzehnten sowie die besondere Bedeutung der Zeitung für die deutsche Minderheit in Rumänien und ebenso ausgewanderte Siebenbürger Sachsen. Grundlage des Buches ist die Diplomarbeit der Verfasserin über die HZ aus dem Jahr 2004. Was das Buch so wertvoll macht, ist die Einbettung der Zeitungsgeschichte in den historischen Kontext in Rumänien von der Zeit des Ceauşescu-Regimes bis heute. Die Untersuchungsbasis bilden Interviews mit den Redakteuren von der Gründerzeit bis zur Gegenwart und eine systematische Inhaltsanalyse von repräsentativ ausgewählten Ausgaben. Der Leser lernt so nicht nur die Geschichte der HZ kennen, sondern erfährt auch viel über die Minderheitenpolitik Rumäniens vor und nach der politischen Wende, die verschiedenen Phasen des rumänischen Kommunismus, die Medienpolitik unter Ceauşescu und auch die besondere Praxis des Journalismus in der Diktatur sowie nach der Wende.

 

Am 25. Februar 1968 erschien die erste Ausgabe. Seither hat sich die Zeitung bewährt und behauptet – meist geliebt, gelegentlich hinterfragt, aber immer unverzichtbar für die Leser. Die Journalisten der ersten zwanzig Jahre konnten sich den Zwängen des kommunistischen Regimes – von den Tabuthemen über die Zensur, den verordneten Verlautbarungsjournalismus bis hin zur Kontrolle der verwendeten Papiermengen – nicht entziehen. Sie mussten auch die „hölzerne Sprache“ des Systems anwenden (limba de lemn) und die Erfolgsstories des Sozialismus verkünden. Der Anspruch der Journalisten war von Anfang an, den Lesern „eine komplette Zeitung“ zu bieten – die HZ wurde zu einem festen Bestandteil der Identität der deutschsprachigen Minderheit im Raum Hermannstadt/Sibiu, wie die Autorin herausarbeitet. So wurde das Ressort Kultur in der HZ „das wichtigste Forum für rumäniendeutsche Themen“ (S. 54), die HZ habe ihre Leser bis 1989 stets „daran erinnert, was ihre kulturelle Identität ausmacht“ (S. 61). Die Auflage konnte sich bis auf 10.000 Exemplare in den Höchstzeiten Mitte der 1970er Jahre steigern. Der Beliebtheit tat auch die zwangsweise Umbenennung in »Die Woche« bis 1989 keinen Abbruch.

 

Galon zeigt kundig auf, wie die HZ zu ihren Journalisten kam, wie die Zensur funktionierte und wie die Redakteure gelegentlich auch zwischen den Zeilen Botschaften vermitteln konnten. Der schwierige Spagat zwischen der verordneten Rolle zur Vermittlung der sozialistischen „Erfolge“ und dem Versuch der Redaktion, mit dieser Zeitung ein Stück Heimat zu bieten, wird sehr präzise und objektiv herausgearbeitet. Dies ist auch der Tatsache zu verdanken, dass die Autorin eine deutsche Journalistin ist, die nicht aus siebenbürgisch-sächsischer Perspektive schreibt, sondern als unabhängige Beobachterin. Der politische Aufbruch mit Fortschritten und Rückschlägen nach 1989 und die „Neusortierung“ der Zeitung werden sehr gründlich dargestellt. Die hierzu interviewten Redakteure wie der frühere Chefredakteur Horst Weber und die jetzige Chefredakteurin Beatrice Ungar sind längst echte Zeitzeugen.

 

Die Probleme der Zeit werden ausführlich behandelt, von der Finanzierungskrise in der neuen Freiheit über die Frage einer Fusion mit der »Allgemeinen Deutschen Zeitung« ADZ bis zum Mangel an journalistischem Nachwuchs. Vor allem aber die Existenzfrage schlechthin: An wen richtet sich die Zeitung nach dem großen Exodus der Siebenbürger Sachsen konzeptionell? Diese Debatten der 1990er Jahre werden vor allem im Dialog mit Horst Weber und den damals aktiven Journalisten sehr lebendig geschildert. Die HZ hat alle Krisen als eigenständige Zeitung überlebt, was den äußerst ambitionierten Redakteuren zu verdanken ist. Sie richtet sich heute an Rumäniendeutsche im Land, aus Rumänien Ausgewanderte oder Interessenten an Rumänien im deutschsprachigen Raum sowie an in Rumänien lebende oder tätige, Deutsch sprechende Ausländer. Der resignative Grundton der Berichterstattung nach 1989 ist längst gewichen, das Blatt hat heute eine stabile Auflage von 2000 Exemplaren pro Woche.


Kritisch darf angemerkt werden, dass die Autorin wichtige Sekundärliteratur nicht berücksichtigt – wie etwa Manuela Olhausens Buch „Politische Kommunikation im Wandel. Die deutschsprachige Presse des (ehemaligen) Ostblocks zwischen 1980 und 2000“ (2005), ein Standardwerk zum Thema. Gefragt werden darf auch, warum mit Grit Friedrich ausgerechnet eine sehr kurz für die HZ tätige Gastjournalistin aus Deutschland so breit als Kronzeugin für die Entwicklung dieser Zeitung zu Wort kommt. Reflektiert werden müsste außerdem die Tatsache, dass die HZ als Zeitung heute kritisch und objektiv über Politik berichten soll, welche die Redakteure zum Teil selbst in führenden Funktionen als Stadt- und Kreisräte mitgestalten. Der mittlerweile fast  allmächtige Hermannstädter Oberbürgermeister Klaus Johannis etwa wird nicht einmal mit Samthandschuhen, sondern gar nicht „angefasst“. Bei den zitierten HZ-Artikeln wäre es wünschenswert gewesen, auch die Autoren zu nennen. Die nachgedruckten historischen Zeitungsseiten hätte man sich größer gewünscht, um die Artikel auch lesen zu können.

 

Doch dies schmälert nicht den besonderen Wert dieses Bandes. Das gleichermaßen gut lesbare wie lesenswerte Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der deutschen Minderheitenpresse im Ausland. Dem Schiller-Verlag ist zu der hochwertigen Gestaltung des Bandes zu gratulieren.

 

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Auf der Suche nach dem jüdischen Sathmar



Simon Geissbühler

Simon Geissbühlers Neuerscheinung „Spuren, die vergehen“

 

„Die Spuren waren zurückgeblieben. Aber die Zeit würde sie allmählich verwischen, und es wird nichts zurückbleiben“, mit diesem Zitat des deutsch-jüdischen Schriftstellers Edgar Hilsenrath wird das Buch eingeleitet. Der Autor Simon Geissbühler, Erster Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in Bukarest, hat sich in drei Reisen nach Sathmar und Umgebung aufgemacht, um dort nach den vergehenden Spuren des jüdischen Lebens zu suchen, das im Holocaust fast vollständig ausgelöscht wurde.

 

Und er wurde fündig: Zum Beispiel in Sathmar, wo eine Synagoge mittlerweile von Wohnblocks eingezwängt wird, in Atea an der Grenze zu Ungarn und der Ukraine, wo auf einem Friedhof nur noch ein einziger intakter Grabstein hinter Stacheldraht steht, oder in Coltirea, wo er zufällig ein Gräberfeld entdeckt, das bisher in keinerlei Büchern und Listen angegeben war.

 

Auf diese oftmals ungewisse Spurensuche lässt man sich beim Lesen gerne ein. Zwar ist der 1973 geborene Geissbühler unter anderem studierter Historiker und hat sich schon mehrmals mit den Juden in Osteuropa beschäftigt, sein Buch aber erhebt keine gehobenen wissenschaftlichen Ansprüche und stellt auch keine umfassende Abhandlung über die Juden in Sathmar dar.

 

Vielmehr ist es ein persönlicher, bebilderter Reisebericht über die Suche nach den jüdischen Spuren, dem damaligen Leben, das er immer wieder vor dem inneren Auge vorbeilaufen lässt, und die Suche nach der Antwort auf die Frage: Was bedeutet Heimat? „Es ist etwas anderes, zu Hause heimatlos zu sein als in der Fremde, wo wir in der Heimatlosigkeit ein Zuhause finden können“, mit diesem Zitat von Imre Kertész beschreibt er wohl am besten das Dilemma der Sathmarer Juden, sowohl das der zahlreich nach New York City ausgewanderten, als auch das der wenigen zu Hause gebliebenen Juden.

 

Der Autor hinterlässt aber nicht nur Fragen, er schildert auch präzise die von gesellschaftlicher Akzeptanz geprägte Geschichte der Juden in Rumänien bis zur Deportation, beschreibt eindrücklich Land und Leute, kritisiert die fehlende Vergangenheitsbewältigung hierzulande und beklagt die Nichtbeachtung und Vernachlässigung der jüdischen Friedhöfe und Synagogen. Mit seinem Buch erinnert er zumindest an diese bald vergangenen Spuren: „Ich habe den Zerfall gestoppt – natürlich nicht den realen Zerfall, denn ich reise mit dem Notizbuch und nicht mit dem Spaten, der Axt und der Säge, sondern den Zerfall der Erinnerung an die jüdische Präsenz, an das Leben, an die Vielfalt. Und natürlich ist der Zerfall nur gestoppt für einen Augenblick – bis dieses Buch keine Leser mehr hat, bis es zerfällt, sich auflöst in Fetzen, Partikel. Bis dann aber – immerhin – gibt es wieder eine Erinnerungsspur. Jeder, der diese Zeilen liest, trägt die Erinnerung weiter.“

 

von Markus Heide, aus der ADZ vom 27.08.10

 

Simon Geissbühler: „Spuren, die vergehen. Auf der Suche nach dem jüdischen Sathmar/Satu Mare“, 104 Seiten, mit Fotos, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, 2010, ISBN 978-3-942271-00-4, 17,90 Euro

 

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Transsylvanien und Gedanken



Die Schriftstellerin Bettina Schuller. Foto: Bonnie Tillemann

Anmerkungen zu dem soeben erschienenen Buch von Bettina Schuller

 

von Hannelore Baier, ADZ vom 06.08.2010

 

„Die Kindheit“, „Nachkriegszeit und Sozialismus“, „Emigration“. Sie kennzeichnen die Lebensabschnitte der meisten in Rumänien geborenen Deutschen. Unter diese Begriffe wurden nun Erzählungen, Fabeln und Betrachtungen von Bettina Schuller zusammengefasst, die in einem Sammelband unter dem Titel „Transsylvanien – Spielplatz der Gedanken“ soeben im Schiller Verlag in Hermannstadt/Sibiu erschienen sind.

 

Von der heute in Bayern lebenden Autorin waren 1966 im Jugendverlag „Eine Mäusegeschichte“ und 1969 im Kriterion Verlag Erzählungen unter dem Titel „Die tägliche Straße“ erschienen. Bettina Schuller siedelte 1976 in die Bundesrepublik Deutschland aus. Texte aus ihrer Kurzprosa wurden 1988 in München gedruckt. Es war an der Zeit, ihre Kurzprosa mittels einer Buchveröffentlichung dem heutigen Leserpublikum ins Gedächtnis zu rufen.

 

Wie zu vermuten, wurden unter den drei eingangs genannten Übertitelungen Texte aus den drei Lebensetappen vereint. Werden sie in der abgedruckten Reihenfolge gelesen, erfährt man zunächst viel Persönliches aus der Kindheit der 1929 in Kronstadt/Brasov als Tochter einer Sängerin und eines Rechtsanwalts geborenen Autorin. Sie ist eine gute Beobachterin und vermag es wortgewandt die Befindlichkeiten heiter-locker zu schildern. In die Plaudereien werden Reflexionen eingeflochten. Besonders gelungen ist dies in den Schilderungen der Sommeraufenthalte in Mangea Punar, dem heutigen Costinesti. „Sehnsucht, ein Wort. Können Worte überhaupt das Unfassbare fassen?“ fragt Bettina Schuller.

 

Nach den in Mangea Punar empfundenen „taufrischen Wahrnehmungen“ ihrer Kindheit sehnt sie sich während eines Ferienaufenthaltes auf Kreta zurück. Dieser Ausschnitt aus dem in späteren Jahren verfassten Kreta-Tagebuch ist in diesen, der Kindheit gewidmeten Teil des Buches, aufgenommen. Von den in der Kindheit und Jugend gemachten Erfahrungen teilt uns die Autorin sorgenvolle – zum Beispiel die in letzter Minute verhinderte Pfändung des Hausrats der Großeltern, weil der Großvater ein lebensfremder Buchhändler war – und sorglose, wie beim Hüttenspiel am Königstein, mit.

 

„Die tägliche Straße“ eröffnet den mittleren Teil der Anthologie. Die meisten dieser Texte schildern bittere Begebenheiten aus den Jahren des real existierenden Sozialismus, die die Autorin mit psychologischem Feingefühl schildert. Die Erniedrigungen beim Anstehen um Schweinefleisch kommen ebenso zur Sprache wie die folgenschwere illegale Abtreibung oder das Aufbewahren des aus Deutschland erhaltenen Kleides bis es aus der Mode und zu knapp ist.

 

In der „Emigration“ beobachtet und beschreibt Bettina Schuller die ihr zunächst fremde Umgebung und vergleicht sie mit der gewohnten. Das gilt auch für die Sprache. „Allmählich gelang es mir, in den alten Sprachrastern auch dem Bild des neuen Landes Raum zu schaffen mit seinen Menschen, seinem Grundgesetz, der demokratischen Verfassung und ganz zuletzt sogar mit der hier üblichen Art des Grüßens …“ schreibt sie zum Thema Integration.

 

Die war eben geschafft, als in Rumänien die Revolution ausbricht. „Die Weltgeschichte rast. Rast in meiner Heimat: Und die Geschichte meiner Erinnerung rast mit in wildem Durcheinander.“ Auch sie kommt bald, wie die meisten der aus Rumänien Stammenden, um vor Ort die Veränderungen festzustellen. Und wundert sich über die undurchsichtigen Privatisierungsversuche, das im Fernsehen Ausgestrahlte, die Zustände im Hotel. Sie (die u.a. Tudor Arghezi ins Deutsche übertragen hat) freut sich, erneut Rumänisch zu sprechen. Jetzt zieht sie Vergleiche zwischen Deutschen und Rumänen. Mit Sympathie stellt sie bei jedem der Völker positive wie negative Seiten fest: „Bei den Deutschen standen in der Geschichte Wort und Tat mehr als einmal in gefährlicher Zusammengehörigkeit da, in einer Wechselwirkung, die wohl auch zu großer Kunst, aber auch zu Fanatismus und Maßlosigkeit, ja zum Verbrechen führte … Bei den Rumänen liefen Wort und Tat schon immer lustig ungestört nebeneinander her, ohne Verzahnung und Zwang, ...“

 

Zwischen die drei Teile des Buches sind Zeichnungen von Helmut von Arz gesetzt. Über die Autorin selbst erfährt der Leser ganz wenige Daten, und die bloß vom hinteren Umschlag, aus einem Zitat eines von Hans Bergel zum 80. Geburtstag von Bettina Schuller in der „Siebenbürgischen Zeitung“ veröffentlichten Beitrag. Sind biografische Notizen in der Zeit des Internets in Büchern nicht mehr notwendig? Für jene, die Google nicht zur Hand haben, wäre zu den oben eingereihten Angaben hinzuzufügen, dass sie Psychologie und Pädagogik studiert hatte und bis zur Übersiedlung als Lehrerin – mit Ausnahme von zwei Jahren, als sie Dramaturgin am Hermannstädter deutschen Theater war – gearbeitet hat.

 

Von den Herausgebern gut gemeint, aber zuweilen unnötig, vor allem aber inkonsequent betrieben, sind die Erläuterungen der in Siebenbürgen üblichen Ausdrücke und Redewendungen. Die mit Fußnoten versehenen Kletitten, Bizikel oder Gogoschar kennt Google, die nicht erläuterten „Finigodi“ (Sofia-Taufpatin) oder „auf die Kratz gehen“ allerdings nicht. Da bleibt den Gedanken Platz zum Spielen.

 

Bettina Schuller, Transsylvanien – Spielplatz der Gedanken. 173 Seiten, s/w Abbildungen, Schiller Verlag 2010, ISBN 978-3-941271-38-8

 

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Kritisch und pointiert



Annemarie Weber (links), vorgestellt von Jens Kielhorn, Foto: Cynthia Pinter

Annemarie Weber stellte ihr neuestes Buch vor

 

Annemarie Weber, Geschäftsführerin des Siebenbürgen-Instituts in Gundelsheim, stellte am Freitagabend ihr neuestes Buch „Rumäniendeutsche? : Diskurse zur Gruppenidentität einer Minderheit (1944 - 1971)“ im Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt vor.

 

Anhand der deutschsprachigen Presse - die Autorin analysierte in ihrem Buch hauptsächlich das Archiv des „Neuen Weg“ - untersuchte Weber vor allem die „deutschen“ Identitätskonstruktionen in Rumänien zwischen 1944 und 1971. Im Anschluss zu der Buchvorstellung fand eine spannende Diskussion statt. Das im Böhlau-Verlag in der Reihe Studia Transylvanica erschienene Buch kostet 185 Lei und kann im Erasmus-Büchercafé bestellt werden.

 

Weber erforschte die Entwicklung des kollektiven Selbstbildes der Deutschen in Rumänien während der Nachkriegsjahrzehnte vom siebenbürgisch-sächsischen und banatschwäbischen „Volk“ zu den ideologisch postulierten „deutschen Werktätigen“ und schließlich zum Identitätsmuster der „Rumäniendeutschen“. Dabei räumt die Autorin mit Vorurteilen und ungenauen Zuschreibungen, die sich in der Geschichts- und Literaturgeschichtsschreibung hartnäckig gehalten haben. 

 

In ihrem Buch verbindet sie eigene Erfahrungen aus ihrer langjährigen Tätigkeit in den deutschsprachigen Medien Rumäniens mit kritischer Textanalyse und einer pointierten Schreibweise.

 

Weber stellt u. a. fest: Die Deutschen Rumäniens werden aus der Perspektive der Bundesrepublik Deutschland gern als „deutschstämmige“ bzw. deutschsprachige rumänische Staatsbürger oder gar als „Deutsch-Rumänen“ bezeichnet, während sie in Rumänien unangefochten als germani gelten und in einem staatlich anerkannten „Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien“ (DFDR) politisch organisiert sind. In Rumänien ist „deutsch“ ein ethnisches und Kulturmerkmal geblieben, das die Staatenbildung der Nachkriegszeit und die damit verbundene politische Fixierung des Merkmals „deutsch“ auf eine bestimmte Staatsangehörigkeit hartnäckig ignoriert hat. Alfred Margul-Sperber bezeichnete in den 1950er Jahren seinen Dichterfreund Alfred Kittner im Zusammenhang mit dessen Deportation nach Transnistrien mit Nachdruck als „deutschen Dichter aus der Bukowina“, auch wenn er – wie Sperber selbst – Jude und rumänischer Staatsbürger, also nach heutigem Verständnis eher ein deutschsprachiger Dichter war. 

 

BEATRICE UNGAR, aus der Hermannstädter Zeitung vom 30.07.2010

 

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„Weltkulturerbe in Siebenbürgen“



Dr. Dr. h.c. Christoph Machat (Kunsthistoriker und Denkmalpfleger)

Reiseführer stellt die neun Stätten der UNESCO-Liste vor

 

Der von Anselm Roth und Holger Wermke bearbeitete Reiseführer ist Ende letzten Jahres erschienen und insofern sehr zu begrüßen, als er in mehrfacher Hinsicht Lücken schließt. Zum einen stellt er gleich einem Vorspann die 1972 verabschiedete UNESCO-Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt vor und erläutert die Schutzmechanismen, deren Grundlage die Welterbeliste bildet. Zum anderen informiert er erstmals das deutschsprachige, reise- und kulturbeflissene Publikum über die Kulturstätten von „herausragender, weltweiter Bedeutung“ (so der Text der Welterbekonvention), die in Siebenbürgen besichtigt werden können.

 

Die Daten sind insofern etwas ungenau, als die Welterbeliste zwar seit dem letzten Sommer 890 Kultur-, Natur- und auch gemischte Stätten enthält, in Bälde jedoch mit Sicherheit weiteren Zuwachs erhalten wird, wenn das zuständige Welterbekomitee der UNESCO 2010 (turnusmäßig) tagt. Auch besetzen die siebenbürgischen Welterbestätten keineswegs neun, sondern lediglich drei Positionen auf der Welterbeliste – die Dakerfestungen, die Altstadt von Schäßburg und die Dörfer mit Kirchenburgen, exemplarisch vertreten durch die sächsischen Orte Kelling, Wurmloch, Birthälm, Keisd, Deutschweißkirch und Tartlau sowie Dersch für die Szeklersiedlungen. Umso genauer und aktueller sind hingegen die praktischen Informationen – Reiserouten bzw. Anfahrtswege, Übernachtungsmöglichkeiten oder die namentlich genannten Personen, bei denen der Schlüssel zur Kirchenburg zu finden sind, die von den beiden Autoren persönlich recherchiert worden sind und in der Art einer Reisereportage beschrieben werden.

 

Das für einen Reiseführer unentbehrliche Kartenmaterial ist entsprechend aufbereitet und durchaus handlich, d.h. nicht als aufzufaltende Beilage, sondern teils im Text, teils im Anhang des Buches eingefügt (wegen des kleinen Maßstabs jedoch für viele nur mit der Lupe zu erschließen). Der beschreibende, teils sehr ausführliche Text zu den einzelnen Stätten bzw. Ortschaften ist bewusst salopp gehalten, wohl um zu vermeiden, dass die bau-, kunst- und kulturgeschichtlichen Informationen Überhand nehmen und die Lesbarkeit erschweren. Bei allem Verständnis dafür muss von jedem ernst zu nehmenden Reiseführer erwartet werden – erstrecht, wenn es sich um Weltkulturdenkmäler handelt – dass die angebotenen Daten, Jahreszahlen, Fakten oder Künstlernamen zur Landeskunde, Geschichte, Bau- und Kunstgeschichte den neuesten Erkenntnissen der Forschung entsprechen, die sogar für Siebenbürgen seit den späten 1990er Jahren, u.a. auch deutschsprachig zur Verfügung stehen.

 

Die durchgehende Lektüre des Buchtextes bestärkt jedoch die Gewissheit, eine Art „Schnellschuss“ auf der Basis einer oberflächlichen Recherche in der Hand zu haben bzw. eine der vor allem in den vergangenen Jahrhunderten sehr beliebten Reisebeschreibungen mit vor Ort gesammelten Eindrücken und Informationen. Letztere aus kompetenten und aktuellen Quellen zu schöpfen, hätte weder Mühe noch großen Zeitaufwand erfordert, wie etwa die eingangs gemachte Feststellung, dass die sieben siebenbürgischen Ortschaften unter der Position der Welterbeliste als „Dörfer mit Kirchenbefestigungen“ zusammengefasst sind. Allein dieser Bezeichnung ist bereits unschwer zu entnehmen, dass nicht allein die Kirchenburgen, sondern jeweils das ganze Dorf gemeint und über die UNESCO-Konvention geschützt ist. In den sächsischen Dörfern gilt das nicht allein für die durchwegs erhaltene, beeindruckende und charakteristische Reihung der giebelständigen Höfe mit ihren Toreinfahrten entlang der Straßen – in Keisd übrigens mit äußerst seltenen, für Siebenbürgen einmaligen Nischendekorationen in den Giebeln (im Buch auf der Abbildung auf Seite 71 unten erkennbar) –, sondern auch für den Hattert, das gesamte Gemeindegebiet, wie z.B. die Birthälmer Weinbergterrassen, inzwischen leider größtenteils aufgegeben bzw. verwildert. Ausnahme macht lediglich das Szeklerdorf Dersch, in den letzten Jahrzehnten weitgehend verändert, wo lediglich ein beschränkter Schutzbereich um die Kirchenburg ausgewiesen wurde.

 

Darüber hinaus wäre es für die Besucher der siebenbürgischen Dörfer sicher sehr hilfreich, die besondere, weltweite Bedeutung der ausgewählten Beispiele anhand der Auswahlkriterien besser zu verstehen, die als Grundlage für die 1999 erfolgte Erweiterung und Neubenennung der seit 1993 auf der Welterbeliste bestehenden Position Birthälm gedient haben. Ausschlaggebend war die Benennung herausragender Beispiele von unterschiedlichen Bautypen an Kirchenburgen in den historischen Siedlungsgebieten der Siebenbürger Sachsen: Kelling im Unterwald z.B. wurde ausgewählt, weil hier der einzige befestigte Wohnsitz einer Gräfenfamilie noch aus dem 13. Jahrhundert in Siebenbürgen erhalten geblieben ist, dessen Kapelle, wenn auch nachträglich verändert, sicher bereits auf die Ursprungszeit ab 1269 zurückgeht. (Dass die Gräfenfamilie Kelling 1430 verlassen musste, nachdem die Sachsen die Burganlage der Familie abgekauft hatten, ist hinlänglich bekannt.) Wurmloch im Kokelgebiet zeigt mit seiner Wehrkirche mit den mehrfachen Wehrgeschossen über Langhaus und Chor sicherlich die aufwändigsten Befestigungsanlagen an einem Kirchengebäude. Dafür wurden (um 1500) die Seitenschiffe der romanischen Basilika abgebrochen, um einen besseren Zugriff auf die Angreifer zu haben, während das gleichzeitig eingezogene Tonnengewölbe mit aufgelegtem Rippennetz aus Backstein vornehmlich als Feuerschutz diente – Informationen, die den Besuch der Kirche für jeden spannend machen. Keisd wiederum ist eines der wenigen Beispiele einer Dorfgemeinschaft, die 1493 ihre romanische Kirche in der Dorfmitte abgebrochen hatte, um eine Wehrkirche „aus einem Guß“ zu errichten. Die oberhalb des Dorfkernes auf einem Steilhang erhaltene Bauernburg, eine Flieh- bzw. Fluchtburg ist eines der wenigen erhaltenen Beispiele dieses Bautyps in Siebenbürgen (wie Reps oder Rosenau).

 

Deutschweißkirch ist eines der kleinsten, jedoch sehr gut erhaltenen sächsischen Dörfer und muss im späten Mittelalter relativ arm gewesen sein, denn nach einem Unwetter 1494 mit starker Beeinträchtigung der Kirchenbefestigung hatte die Sächsische Nationsuniversität erstmals zu einer Sammlung zwecks finanzieller Unterstützung der Dorfgemeinschaft zur Beseitigung der Schäden aufgerufen. Tartlau ist schließlich das herausragende Beispiel einer Kirchenbefestigung in der Tiefebene des Burzenlandes, wobei hier im Gegensatz zu den meisten anderen Befestigungsanlagen der Kirchenburgen ein geschulter Festungsbaumeister für die südliche Vorburg mit Zwinger verantwortlich zeichnete. Es würde zu weit führen, auf weitere, sicher nicht weniger wichtige Details der beschreibenden Texte, auf Jahreszahlen, Daten, Datierungen oder hypothetische Zuordnungen einzelner Kunstwerke oder Ausstattungsstücke in den Kirchen der Welterbestätten, wie etwa in der Schäßburger Bergkirche einzugehen. Das würde einer Neubearbeitung des kunst- und kulturgeschichtlichen Teils des Reiseführers gleichkommen, die hoffentlich bald fällig sein wird.

 

Christoph Machat

 

Anselm Roth, Holger Wermke, Weltkulturerbe in Siebenbürgen. Die neun Stätten der UNESCO-Liste. Schiller Verlag Hermannstadt - Bonn 2009, 118 Seiten, über 150 Farbfotos (von Anselm Roth, Holger Wermke, Roxana Höchsmann, Jakob Benöhr), Preis: 17,40 Euro, ISBN 978-3-941271-30-2

 

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Karin Gündischs Jugendroman „Weit, hinter den Wäldern“ neu aufgelegt



Michaela Nowotnick ist Germanistin aus Berlin. Sie hat in 2008 eine weithin beachtete Magisterarbeit zur rumäniendeutschen Literatur der Zwischenkriegszeit (1919 – 1939) vorgelegt.

Es gibt Bücher, die lange im Gedächtnis bleiben. Bilder flackern auf, einzelne Wörter und Wortgruppen setzen sich fest und lassen wieder und wieder nachdenken. Zu diesen Büchern gehört zweifelsfrei das Jugendbuch „Weit, hinter den Wäldern“ der siebenbürgischen Autorin Karin Gündisch. Schon 1988 wurde der Roman bei Beltz & Gelberg veröffentlicht, war viele Jahre vergriffen und wurde nun in einer gestalterisch wunderschönen Neubearbeitung im Schiller-Verlag Hermannstadt/Bonn neu aufgelegt.

 

Held des Romans ist der zwälfjährige Peter, der zusammen mit zwei Geschwistern bei seinen Großeltern lebt. Die Handlung setzt im Frühling 1949 ein und erstreckt sich bis zum Beginn des Jahres 1950. Vier Jahre sind seit dem Krieg vergangen, seit Kindern ihre Eltern genommen wurden, um so genannte „Aufbauarbeiten“ für die Verbrechen des Dritten Reiches an Russland zu leisten. Peter ist eines dieser Kinder, das seine Eltern nur noch wage zu kennen glaubt, denn langsam überlagern sich seine tatsächlichen Erinnerungen mit bloßen Abbildungen in Form von Photographien. Peters Mutter starb an Krebs, sein Vater ist in einem russischen Lager. Die Lager, von denen kaum jemand in Peters Dorf eine konkrete Vorstellung hat, sind der zentrale Punkt, um den die Figuren kreisen. Karin Gündisch nimmt sich in "Weit, hinter den Wäldern" kritisch-sachlich und dennoch kindgerecht dieses Kollektivtraumas der rumäniendeutschen Bevölkerung an. Schonungslos beleuchtet sie die Hintergründe der Deportationen, wirft Fragen nach Schuld und Schicksal auf, nach Moral und eigenen Verfehlungen. Wie auch schon in anderen Büchern bedient sich Gündisch kurzer Erzählungen, um nach und nach ein mosaikartiges Bild des Geschehens darzustellen. Eingebettet in die Erlebnisse des jungen Helden Peter, gelingt es Gündisch ihre erwachsenen Figuren ausführlich erzählen zu lassen, auch dann, wenn sie lieber schweigen. ... Über dem mehr oder weniger normalisierten Leben, über Alltag und Freude innerhalb der sächsischen Gemeinschaft lastet das Schweigen wie ein Fluch. Peter aber möchte erfahren, er möchte die Welt, die ihn umgibt, verstehen und ahnt, dass er nur so eine eigene Identität entwickeln kann. Deshalb fragt Peter. Anfangs befragt er die Großeltern, später auch Verwandte und Bekannte. Er nimmt Geschichten gierig auf und versucht das Erzählen von diesen zu forcieren. Ihm wird, zum Teil hinter vorgehaltener Hand, fast immer Auskunft gegeben. Nur ein Thema stößt an die Grenzen der möglichen Kommunikation: „Über die Zwangsarbeit durfte man nichts erzählen, man musste froh sein, dass man wieder zu Hause war und dass man überhaupt noch am Leben war ...“, heißt es, als Peter etwas über die Lebensumstände im Lager erfahren will. So muss er Gespräche belauschen und auf den Zufall hoffen. Im Verlauf des Romans erfährt Peter viel über die Geschichte seiner Volksgruppe, deren Schuld am Holocaust gegen die jüdische Bevölkerung Rumäniens und ihre Verwicklungen ins Dritte Reich. Er muss ein eigenes moralisches Empfinden entwickeln und erfahren, dass man Erwachsenen nicht bedingungslos glauben kann. Über all diesen wichtigen Entwicklungsschritten schwebt immer die Abwesenheit des Vaters, von dem sich Peter Stärke und Kraft verspricht. Als der Vater endlich wieder erscheint, ist es ein anderes Wiedersehen, als Peter es sich erhofft hatte. Der Vater kehrt schweigend zurück, „er wollte nichts erzählen.“ Wieder ist es da, das Schweigen, und mit ihm die Traurigkeit und die Einsamkeit der Rückkehrer, die ihr eigenes Leben erst wieder finden müssen, auch wenn ihnen der Platz in der Gemeinschaft frei gehalten wurde.

 

Obwohl schon vor über 20 Jahren geschrieben, ist dieses Jugendbuch aktueller denn je. Karin Gündsch beschreibt hier, was von Herta Müller in der "Atemschaukel" intensiviert wurde. Gündischs Roman kommt dabei zu Gute, dass er sich an Jugendliche richtet. Sie ist deshalb gezwungen, sich einer klaren und eindeutigen Sprache zu bedienen und die Dinge beim Namen zu nennen. Gleichzeitig bezieht sie eindeutig Stellung, Stellung zum Dritten Reich und zum Holocaust, zu Nationalsozialisten in den eigenen Reihen und zu Landsleuten, die eine ganze Volksgruppe ins Elend gerissen haben. Gündischs Schreibweise ist nahezu frei von Metaphern und Verschlüsselungen. Nur bei Begebenheiten, die zu schwer für den kindlichen bzw. jugendlichen Erfahrungshorizont wären, bedient sie sich Umschreibungen.

 

Gündisch versteckt sich nicht hinter Andeutungen, sondern lässt ihre Romanfigur Peter Fragen stellen, auch wenn diese unangenehm sind – und sie beantwortet die Fragen auch. In fast jedem Satz wird deutlich, dass sich die Traumata des Krieges und der Deportation in die nächsten Generationen vererben werden, und der drohende Exodus schwebt schon jetzt wie ein Schatten über den handelnden Figuren.

 

Dass es Gündisch gelingt, ihr jugendliches Lesepublikum mit dieser Thematik nicht zu überfordern, ist dem Geschick der Autorin zuzurechnen, immer wieder zu einer kindlich-fröhlichen Stimmung zurückzukehren. Sie beschreibt Ausflüge und nicht enden wollende Sommernachmittage mit Spielen und Freunden und lässt dadurch Hoffnung zu, denn in jedem Bösen wohnt bei Karin Gündisch auch etwas Gutes. So wird derjenige bestraft, der einen Juden ruiniert hat, wird der geläutert, der angeberisch durch die Welt läuft. Nur an einer Stelle versagt dieses Prinzip von Karin Gündisch. Der Vater von Peters Freund Willi, ein absolut überzeugter Nationalsozialist, setzt sich nach dem Krieg in die amerikanische Besatzungszone ab, wo er erneut in einem politischen System Karriere machen will. Diesen Vater erklärt die Mutter Willis für tot, er wird nicht mehr in die Gemeinschaft zurückfinden.

 

Gündisch schreibt für ein Lesepublikum, dem Leben und Sein in Siebenbürgen fremd sind, eine fremde Welt „weit, hinter den Wäldern“. Es gelingt der Autorin aber, dieses „Transilvania“, auf das sie im Titel verweist, aufzubereiten und durch Kontextualisierungen und Fußnoten unverständliche Wörter und Geschehnisse zu erschließen. Einen großen Anteil an der gelungenen Übertragung des Buches in das 21. Jahrhundert hatte der Schiller-Verlag in Hermannstadt. So wurde der Text unter der Ägide von Anselm Roth behutsam an die neue Rechtschreibung angepasst und um einige Fußnoten ergänzt. Ein weitaus größeres Verdienst sind aber die Schwarzweißphotographien, die den Text der Neuausgabe illustrieren. So bietet Archivmaterial Einblick in Orte, die für die nachgeborene Generation sehr abstrakt sind. Auffallend schön sind die von Anselm Roth aufgenommenen Photographien der Landschaften in Siebenbürgen, die auch Karin Gündisch beschreibt. Hinzu kommen Aufnahmen von Bauern, die Kühe melken, und Wäsche, die im Wind flattert. Und immer wieder sind es Kinder, die auf den Photographien eingefangen wurden. Dass die Kinder, die die Figuren des Buches darstellen sollen, auf Grund ihrer Kleidung eher in die heutige als in die damalige Zeit passen, stört nicht, sondern hat eine Brückenfunktion.

 

Was man sich in dieser Neuausgabe gewünscht hätte, wäre ein angepasstes Vorwort gewesen. Ein Vorwort, das die Ereignisse in Siebenbürgen und Rumänien seit 1988 aufnimmt und kommentiert. Mit Ausnahme dieses Punktes handelt es sich um ein großartiges Buch. Ein Roman, in dem Kinder ernst genommen werden, der ermutigt Fragen zu stellen und der die Hoffnung vermittelt, dass auch schwierige Lebenszeiten und Umstände durchaus schön sein können.

 

Nach der Lektüre verspürt man allerdings einen dringenden Wunsch: Den Wunsch, dass die Autorin uns bald ein neues Buch präsentieren wird. Ein Buch über den Kommunismus und seine Folgen zwanzig Jahre später. Ein Roman über den Exodus und die nachkommende Generation, deren siebenbürgische Wurzeln gekappt sind, die aber dennoch mit dem Mythos Siebenbürgen lebt und aufwächst.

 

Michaela Nowotnick

 

aus der Siebenbürgischen Zeitung, Online-Ausgabe, vom 10. Juli 2010

 

Karin Gündisch: „Weit, hinter den Wäldern“, Schiller-Verlag, Hermannstadt, Bonn, 2010, Hardcover, 135 Seiten, viele Schwarzweißfotos, 12,90 Euro, ISBN 978-3-941271-35-7, zu beziehen bei www.schiller.ro, im deutschen Buchhandel oder im Siebenbuerger.de-Shop.

 

 

Gerhild Rudolf schreibt in der ADZ vom 1. Juli 2010 über Anne Juneschs Buch "Frei":



Gerhild Rudolf ist Schriftleiterin der "Kirchlichen Blätter" der ev. Kirche A.B. in Rumänien

Schnupperlehrgang Minderheitengeschichte

Mirl und Johannes, die beiden Hauptgestalten in Anne Juneschs jüngster Erzählung, forschen nach ihrer Identität. Während Mirl mit einem Gipsfuß im Bett liegt, studiert sie die Geschichte der deutschen Minderheit(en) in Rumänien. In einem recht idyllischen Neppendorf entdeckt sie zusammen mit ihrem gleichaltrigen Nachbarn immer mehr Zusammenhänge: warum verschiedene Dialekte und verschiedene Sprachen gesprochen werden, welche Berufe in der jeweiligen Gemeinschaft Tradition haben, welche Nachbarin die besten „Sarmale“ kocht (die rumänische natürlich) und wie wichtig Freiheit und gemeinschaftlicher Zusammenhalt sind.

 

Das Büchlein ist nett illustriert, sowohl Fotos (Georg Junesch) als auch Zeichnungen (Ilse Styhler) passen ausgezeichnet zur Geschichte. Als Vorlage für den Umschlag diente ein von der Autorin selbst entworfener gestickter Wandbehang.

 

Die Begründung des Titels – Frei – müssen Leserin und Leser selbst finden. Ich meine, es hat mit dem Andreanum, dem „Goldenen Freibrief“ der Siebenbürger Sachsen zu tun, mit der Religionsfreiheit und dem Wunsch nach freier Religionsausübung sowie mit der Meinungs- und Reisefreiheit nach dem Fall der kommunistischen Diktatur.

 

Die vielen Hintergrundinformationen zu Geschichte und Brauchtum sind in der Erzählung geschickt untergebracht, auch wenn manchmal doch ein wenig der Eindruck entsteht, als sei die Handlung nur eine Rahmengeschichte, um die historischen Fakten mitzuteilen. Das kann man sehen, wie man will. Die Kinder Mirl, Johannes und Sabine, die tüchtigen Eltern und Nachbarn und auch die Haustiere Meine, Jakob und Vicky sind liebevoll gezeichnet. Das Ideal der Eintracht ist ein roter Faden durch die Erzählung, der es an Pragmatismus nicht fehlt: „Es hilft nichts, wenn wir jammern, wer das beklagenswerteste oder ein größeres Opfer der geschichtlichen Gegebenheiten war“, sagt Blumenbinderin Liebhart in der Erzählung. Zum guten Zusammenleben müssen alle beitragen. Das will auch das Büchlein.

 

Anne Junesch: Frei. Honterus Verlag Hermannstadt, 2010, ISBN 978-973-1725-55-0

 

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Ein Buch für Besserwisser / Von Jakob Horstmann



„Eine Welt im Aufbruch“ ist eine detailverliebte Studie zur Geschichte der Siebenbürger Sachsen im frühen Spätmittelalter

 

Mit dem im Schiller-Verlag erschienenen „Eine Welt im Aufbruch – Die Siebenbürger Sachsen im Spätmittelalter“ legte Wilhelm Andreas Baumgärtner im Jahre 2008 bereits sein zweites Buch zu der Geschichte der Siedler Siebenbürgens in kurzer Zeit vor. Erst Ende 2007 kam „Der vergessene Weg“ in die Büchereien, in dem Baumgärtner die umstrittene These verteidigt, die deutschen Siedler von Rhein und Mosel hätten sich als Teil des ersten Bauernkreuzzugs gerade auf dem Weg ins Heilige Land befunden, als sie der Ruf König Geisas II erreichte, im heutigen Siebenbürgen zu siedeln.

 

Diesmal bewegt sich der gebürtige Hermannstädter Baumgärtner auf weniger konfliktträchtigem Terrain. Seine Grundfrage lautet: Wieso waren es unter allen Siedlergruppen gerade die Sachsen, die sich in Siebenbürgen durchsetzten konnten und bis heute Bestand haben? Zu beantworten sucht er diese Frage in drei Teilen. Zunächst, in der ersten Hälfte des Buches, mit einem diagnostischen Blick auf die Lebensweise und Verwaltungsstruktur der Siedlerschaft. Sodann mit einer ausführlichen Erläuterung zweier prägender Ereignisse der Zeit: Zum einen des sogenannten goldenen Freibriefs, ausgestellt von Andreas II im Jahr 1224, in dem den deutschen Siedlern von Broos bis Draas Sonderrechte zugestanden wurden, die dazu beitrugen, die bis dahin disparaten Siedlergruppen zusammenzuschweißen. Zum anderen dem Einfall der Mongolen von 1240/41. An den Daten kann man schon erkennen, dass im Untertitel wohl nur aus ästhetischen Gründen auf das kleine Wörtchen „früh“ vor Spätmittelalter“ verzichtet wurde. Die Schilderung endet mit dem Jahr 1317.

 

Im ersten der drei Teile gibt Baumgärtner also eine detailreiche Beschreibung der Lebensumstände der Siedler, in der er oft eine gewisse Ehrfurcht vor ihrer Leistung angesichts der furchtbar widrigen Gegebenheiten nicht verbergen kann. Weder ihre Kleidung und Essgewohnheiten, noch die genaue Position der Heizöfen im Stubenraum lässt er dabei aus. Außerdem gibt es hier eine breit angelegte Verwaltungsgeschichte des Sachsenlandes für Leute, die es schon immer ganz genau wissen wollten. Zwar führt Baumgärtners Begeisterung für administrative Strukturen zu Absätzen wie: „Die Basis[der Flächenverwaltung, d.Verf.] war die Burggespannschaft. Deren Grenzen waren auch die Komitatsgrenzen, der Burgbesitzer (der König) bildete die Burggespannschaft. Ein Komitat konnte ohne Burggespannschaft nicht existieren, aber umgekehrt schon. Nur der Burggespan verfügte über ein Offizierskorps (Gespan, Hofgespan, Kastellan, Befehlshaber der Mannschaft), das auch für das Komitat zuständig war.“ Aber auch wenn sich diese Passagen manchmal etwas ziehen, so stecken Baumgärtners Beschreibungen doch voller wissenswerter Details. Oder wussten Sie zum Beispiel, dass der heute so urstämmig scheinende Mais erst im 17. Jahrhundert aus der Türkei importiert wurde?

 

Die zweite Hälfte des Buches dann hat zwei große Themen. Erst befasst sich Baumgärtner  ausführlich mit der Bedeutung des Goldenen Freibriefs. Im mit Abstand längsten Kapitel geht er auf eine stellenweise faszinierende Spurensuche rund um das „Andreanum“, nach den wahren Gründen für seinen Erlass, der Identität der Antragsteller und der Tragweite seiner Konsequenzen. Hier jongliert er schwungvoll mit einer Vielzahl von historischen Quellen, die sich zu einem umfassenden Bild dessen zusammenfügen, was er „das geistige Rückgrat der sächsischen Nation“ nennt.

 

Im Anschluss geht Baumgärtner dann zur Diskussion des Mongoleneinfalls von 1240/1241 über. Die lange Schilderung von Vorgeschichte, Ablauf und Folgen desselben hat zwar nur noch stellenweise etwas mit Siebenbürgen zu tun, sondern dreht sich mehr um die Geschichte des ungarischen Königs Geisa IV. Dafür liest sie sich aber für den Interessierten fast so spannend wie ein Winnetou-Roman, und das trotz Baumgärtners weiterhin genauso ausschweifender wie knochentrockener historischer Quellenanalyse.

 

Auffällig ist Baumgärtners Tendenz, immer wieder auf die Unsicherheit der Faktenlage hinzuweisen. Durch das ganze Buch ziehen sich die Hinweise, dass man zu dieser oder jener Frage „nur Mutmaßungen“ anstellen könne oder „die Quellen keine Antwort“ gäben. Das ist zwar löblich, aber auch selbstverständlich, immerhin handelt es sich um Ereignisse des Mittelalters, wo die Quellenlage eben notorisch dünn ist. Manchmal hätte das Buch ein bisschen mehr Entscheidungsfreude vertragen. Fast schon komisch wirkt Baumgärtners Unentschlossenheit, als er selbst zu der nun doch weitgehend unstrittigen Frage, ob oder nicht die Mongolen auf ihrem Feldzug durch Siebenbürgen gezogen seien, bemerkt, sie sei schon mal „unterschiedlich beantwortet worden“.

 

Etwas lustig ist außerdem, dass auf dem (übrigens sehr schönen) Buchdeckel „eine Welt im Aufbruch“ beschworen wird, während insbesondere in der zweiten Buchhälfte nur von einem brutalen Rückschritt nach dem nächsten die Rede ist. Und als wären die raue Gangart von Mutter Natur, Mongolenhorden und menschenfressende Wölfen nicht genug, wird schon dräuend auf die nächste Katastrophe, die Türkenkriege, hingedeutet. Aber das stört natürlich bei der Lektüre dieses hochinformativen und sorgfältigen Buches nicht weiter. Wer sich an der Überfülle an Details und dem nicht immer packenden Stil nicht stört, für den ist Baumgärtners Buch eine Schatzkiste siebenbürgisch-sächsischer Geschichte.

 

Wilhelm Andreas Baumgärtner :  Eine Welt im Aufbruch - Die Siebenbürger Sachsen im Spätmittelalter
ISBN 978-973-88536-6-9

Schiller Verlag, März 2008,  Preis: 50 Lei / 14 EUR 

 

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„Keine traurige Geschichte“



Die beiden neuen Bücher, die der Wattenscheider Autor Werner Schmitz am 14.05.2010 im Büchercafé ERASMUS vostellte.

Doppelte Buchvorstellung im Erasmus-Büchercafé

 

Es muss nicht immer ein Krimi sein. So begründet der Bochumer Schriftsteller Werner Schmitz die Herausgabe des Buches „Mit der Sonne steh´ ich auf“. Der in den 1980-er Jahren mit seinen Kriminalromanen bekannt gewordene Schmitz hat gleich zwei Bücher über Siebenbürgen verfasst: den Kriminalroman „Das Karpaten-Projekt“, das im Dortmunder Grafit-Verlag Anfang des Jahres erschien und „Mit der Sonne steh’ ich auf“, das die Lebensgeschichte von Sara Dootz, der Burghüterin aus Deutsch-Weißkirch, beschreibt. Beide Bücher wurden am Freitagabend im Erasmus-Büchercafé, in Hermannstadt vom Autor selbst vorgestellt.

 

Werner Schmitz, ein ehemaliger Kommunalbeamter, fand seine Arbeit im Tiefbauamt etwa so interessant „wie eine Rolle Stacheldraht“. Also wechselte er den Job und arbeitete schließlich bis 2007 als Reporter im Inlandsressort des Stern. In diesen Jahren entstanden zahlreiche Reportagen, Porträts und Titelgeschichten.

 

„Ich bin schlecht im Erfinden“, gibt Werner Schmitz mit einem Lächeln über sich selbst zu, nach dem Motto: „Was Du nicht erlebt hast, kommt auch nicht heraus aus Deinem Horn“. Alles was er schreibt, muss bis ins kleinste Detail recherchiert werden. Als er für den Roman „Schreiber und der Wolf“ zum ersten Mal nach Siebenbürgen kommt, um mit dem „Wolfsexperten“ Christoph Promberger zu sprechen, weiß er sofort, hier gibt es Themen für einen weiteren Roman. Es sollte eine Fortsetzung geben, doch nicht etwa „Scheiber und der Bär“, wie geplant, sondern „Das Karpaten-Projekt“.

 

Der Krimi handelt von wilden Bären und korrupten Förstern in Rumänien. Auch hierfür recherchiert der Autor gründlich und meint „ich will wissen, wie tickt der Rumäne, der Sachse, der Roma“. Auf dieser Reise durch Siebenbürgen lernt er Sara Dootz kennen, eine Siebenbürger Sächsin aus Deutsch-Weißkirch. Sie erzählen fünf Stunden lang in ihrem Hof vor der Sommerküche, da ist sich Schmitz sicher: Es ist schade, Sara nur als Nebengestalt in seinem Krimi zu verwenden. Er kommt zurück und nimmt Saras Lebensgeschichte auf Kasetten auf, die er Monate später niederschreibt.

 

„Es ist keine traurige Geschichte“, so Schmitz, obwohl Zaurchen – wie Sara im Sächsischen genannt wird – kein leichtes Leben hat. Sie überlebt zwei Ehemänner und einen Weltkrieg, erlebt die Auswanderung all ihrer Nachbarn nach Deutschland, „trotzdem kann sie nichts umhauen“.

 

„Mit der Sonne steh´ ich auf“ ist wie ein vergrabener Schatz aus alten Zeiten. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand lassen kann, sobald man begonnen hat, es zu lesen. Sara erzählt in ihrem „sächsischen Hochdeutsch“, in dem das Verb „gewinnen“ Synonym für „(heraus)holen“ ist, über alte siebenbürgisch-sächsische Bräuche. Alle Feste und Feiern kommen darin vor: Hochzeit, Beerdigung, Fasching u.a.

 

Sie beschreibt ein Leben, das heute kaum denkbar ist, ohne moderne Technologie, nur mit dem Nötigsten zum Überleben. Damals brauchte man nicht Vieles, um glücklich zu sein: „Ich frag mich, ob jetzt noch ein Kind so selig spielen kann. Einer Maisähre haben wir ein Tüchlein aufgetan und ein Zweites als Schürze aufgebunden. Fertig war die Puppe. (...) An der Wand spielten wir mit einem Ball. Wir hatten keinen Gummiball. Wenn die Väter die Ochsen striegelten, kamen doch Haare raus. (...) Man machte die Haare ein wenig nass, wie gefilzt, und machte einen Ball daraus. (...) Die Jungen gingen damit zum Schuster. (...) Dann machte einer von denen ein schwaches Leder aus Flicken über den Haarball.“

 

„Es ist das erste Buch, das ein Nachwort von Prinz Charles enthält“, sagt der Bochumer Autor stolz. Es ist ein Brief, den His Royal Highness an Saras Tochter, Caroline Fernolend geschrieben hatte. In dem Brief bedankt sich Prinz Charles, der selber ein Haus in Weißkirch besitzt, bei der Familie, die ihn „so gut betreut“ hat und „besonders für das unermüdliche Bemühen“ von Sara, Besucher willkommen zu heißen. Jährlich kommen Dank Sara Dootzs Führungen zur Kirchenburg tausende von Touristen aus aller Welt nach Weißkirch.

 

Hinten im Buch gibt es ein Glossar, das das siebenbürgische Deutsch erklärt, Wörter wie: Aufboden, Gegenmutter, Palukes oder gebockelt.

Die Geschichte endet mit einer Weisheit der 73-Jährigen, die typisch für deren Lebenseinstellung ist: „ich denk, der Baum, den der erste Sturm nicht umwirft, dessen Wurzeln packen tiefer und leisten Widerstand.“

 

„Mit der Sonne steh´ ich auf“ ist ein lesenwertes, spannendes Buch, ein Zeuge einer längst vergangenen und fast vergessenen Zeit.
 

Cynthia PINTER, Hermannstädter Zeitung vom 21.05.2010 

 

 

Nahezu unentdeckte Orte „Städte im südlichen Siebenbürgen“



ein Kulturreiseführer von Arne Franke

 

Städte wie Broos/Orastie, Großenyed/Aiud oder Fogarasch/Fagaras verbindet ein gemeinsames Schicksal. Sie stehen im Schatten der bekannten Touristenmagnete der Region Hermannstadt/Sibiu oder Kronstadt/Brasov. Zu Unrecht, meint Arne Franke, der in seinem jüngsten Buch sieben der kleinen Städtchen und die etablierten Anziehungspunkte vorstellt. Der Kulturreiseführer von Franke führt den Leser in die historischen Kerne von zehn südsiebenbürgischen Städten. Selbstverständlich widmet sich Franke ausführlich den drei bekanntesten Städten der Region Hermannstadt, Kronstadt und Schäßburg/Sighisoara. Doch er weitet seinen Blick gegenüber dem gewöhnlichen Tourenbuch für Siebenbürgenreisende. „Die übrigen Städte im südlichen Siebenbürgen, die ausnahmslos mit einer bemerkenswerten Geschichte aufwarten, sind bisher nahezu unentdeckt geblieben“, schreibt er im Vorwort.

 

Einzigartige Baudenkmäler und Kunstschätze entdeckte Franke auch in kleineren Ortschaften, kulturhistorische Raritäten, die auf die wechselvolle Geschichte Siebenbürgens oder den engen Austausch mit dem Kulturraum in Mitteleuropa verweisen. Franke nimmt den Leser in jedem Kapitel mit auf einen Stadtrundgang.

 

In Mediasch/Medias stößt der literarische Besucher auf die besterhaltene Stadtkirchenburg Siebenbürgens, eine ebenfalls imposante Kirchenburg steht in dem heute verschlafenen Ort Großenyed. Eine der wichtigsten erhaltenen Verteidigungsanlagen Südsiebenbürgens ist die Fogarascher Festung, die neben dem nahezu unversehrten Zentrum einen Besuch lohnenswert macht. Die doppeltürmige Barockkirche von Elisabethstadt/Dumbraveni erinnert an die armenische Bevölkerung, die sich hier Ende des 17. Jahrhunderts niedergelassen hat. Die „Zwillingskirchen“ in Broos dagegen spiegeln die religiöse Entwicklung in der frühen Neuzeit, während die größte erhaltene romanische Kirche, die Michaelskathedrale in Karlsburg/Alba Iulia, Zeugnis von der mittelalterlichen Geschichte Siebenbürgens ablegt. Die evangelische Stadtpfarrkirche in Mühlbach/Sebes wartet mit einem 13 Meter hohen Flügelaltar auf, dem laut Franke größten spätgotischen Altar der Region.

 

Der Kunsthistoriker Arne Franke schaut genau auf Fassaden und Innenräume bedeutsamer Bauten, ihren Skulpturenschmuck und Malereien. Dicht gepackt sind seine Texte mit Fakten und geschichtlichen Hintergründen, und bleiben dennoch lesbar und für den Laien verständlich. Für Abwechslung im Lesefluss sorgen thematische Kästen – mal werden die Geschichte der Bartholomäuskirche, mal Sehenswürdigkeiten in der Nähe der beschriebenen Ortschaften behandelt. Einige dieser Texte verfasste, wie die historische Einleitung am Anfang des Buches, der Historiker Harald Roth. Zahlreiche historische und zeitgenössische Fotografien, Postkarten, Malereien und Stiche machen das Geschriebene erlebbar.

 

Das Deutsche Kulturforum östliches Europa versuchte bereits mit dem Vorgängerband „Das wehrhafte Sachsenland. Kirchenburgen im südlichen Siebenbürgen“ (2007) diesen Landstrich näher in den touristischen Blickpunkt zu rücken. In das neue Buch sind frühere Arbeiten von Franke (z.B. „Hermannstadt/Sibiu-Ein kunstgeschichtlicher Rundgang durch die Stadt am Zibin) eingeflossen, in denen er sich ebenso intensiv mit Stadtgeschichten auseinandersetzt. Wegen der Detailfülle ist der Kulturreiseführer nicht für den Gelegenheitstouristen geeignet, dafür umso mehr für Menschen, die die offenen und versteckten Schätze der südsiebenbürgischen Städte durch das Auge des Kunsthistorikers entdecken möchten.

 

„Städte im südlichen Siebenbürgen. Zehn kunsthistorische Rundgänge“ (ISBN: 978-3936168426) erschien in diesem Jahr im Verlag des Deutschen Kulturforums östliches Europa erschienen. Der 360-seitige gebundene Band besitzt einen umfangreichen Anhang mit Kurzbiographien siebenbürgischer Persönlichkeiten, Stadtpläne, touristische Hinweise, ein Literaturnachweis sowie ein Personen- und Ortsnamenverzeichnis.

 

von Holger Wermke, ADZ vom 21.04.2010

 

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Weise Ratschläge für die Gesundheit



Das Gesundheitslehrbuch des Kronstädter Arztes Paulus Kyr

 

Die Wohlfühlwochenenden sind bereits „im dunklen Mittelalter“ entdeckt worden: Wer das nicht glaubt, soll einen Blick auf den Umschlag des neuesten Buchs von Robert Offner werfen, der in einem 380 Seiten starken Band das Gesundheitslehrbuch des Kronstädter Arztes Paulus Kyr aus dem Jahr 1551 auf Latein, Deutsch, Rumänisch und Ungarisch neu aufgelegt hat. Auf dem Buchdeckel baden lustige Paare in einem Badehaus, sie sitzen in großen Badewannen, Essen wird aufgetischt, ein Musiker spielt auf und die Vertreter der weltlichen und geistlichen Macht, ein Prälat und ein Herzog passen auf die guten Sitten der nackten Paare – vergebens – auf, denn unmissverständliche und unsittliche Handgreifungen sind auch zu sehen.

 

Blättert man im Buch weiter, bzw. wenn man den Hinterdeckel genauer unter die Lupe nimmt, so wird man des alten lateinischen Sprichworts gewahr: Sic transit gloria mundi, so vergeht der Ruhm der Welt, denn nach den schönen kommen die kargen Zeiten. Auf dem abgebildeten lateinischen Originaldruck sind solche Wörter zu lesen wie purgatio (Reinigung durch Stuhlgang), inflammatio (Entzündung), vomitus (Erbrechen), apoplexia (Schlaganfall) und schließlich paralysis. Wer diese Übel vermeiden möchte, soll die Ratschläge des Herrn Kyr genauestens befolgen.

 

Dem selbst- und gesundheitsbewussten Patienten aus Kronstadt und aus den Siebenbürgischen Ländern durfte der erste Schritt bei der Befolgung der Ratschläge wohl nicht schwer gefallen sein: Das Badehaus lockte – vor allem dann, wenn koeduzierter Badegang angesagt war. Die Befolgung des zweiten Ratschlags – der fast obligate und im Falle von allen Krankheiten applizierte Aderlass – machte aber Schluss mit lustig: Leberader, Milzader, Achselhöhlenvene, Königsvene, Schulterader, Stirnader, Gemeinader, Schwarzader, Mutterader wurden aufgeschnitten (S. 140) – je nachdem, welche ungute Füllung des Körpers durch die „Barbaren“ (S. 144) diagnostiziert worden ist. Die Barbaren, in der damaligen medizinischen Hochburg, im italienischen Salerno ausgebildete Ärzte, waren sonst biedere Leute, nur dann griffen sie zum trockenen oder im Ernstfall zum nassen Cucurbitula, zum Schröpfkopf, wenn der Aderlass keine Besserung bewirkte und noch effizienter Blut abgesaugt werden musste. Die Blutegel lassen wir dann aus dieser Rezension aus, sonst würde der geneigte Leser diese Zeilen nicht mehr weiter verfolgen können.

 

Nach dem Aderlass musste man tatsächlich essen, sonst hätte Kronstadt das 17. Jahrhundert nicht erlebt. Herr Kyr empfiehlt den auf die bösen, dicken Körpersäfte achtenden Lesern von Hoedin (Zickleinfleisch) bis Trüffeln, von Drosseln bis Turteltauben, von Johannisbrotfrüchten bis Pinienkern, von Kichererbsen bis Honigwein so ziemlich alles, was östlicher Luxus und westliche Zielstrebigkeit an Essen und Trinken zusammenzubringen vermochte.

 

Das Buch lässt die heutigen Leser in diesen Höhen und Tiefen der ärztlichen Behandlung und der Genesung nicht allein: Der Lebensweg des Stadtarztes wird beschrieben, das Gesundheitsbuch wird wissenschaftlich aus heutiger Sicht analysiert, und das medizinische Schrifttum der Zeit wird Revue passiert. Die Übersetzung des lateinischen Textes in die drei Sprachen Siebenbürgens ist eine beachtliche philologische Leistung, die in allen Sprachen mit einer solchen Leichtigkeit gemacht wurde, dass man das Blutvergießen während der Lektüre beinahe vergisst.

 

András F. Balogh, ADZ vom 17.04.2010

 

Rezension von Elena Stoica, Hermannstädter Zeitung, vom 23.04.2010:

 

Dreisprachige Heilkunde - Medizinisches Lehrbuch neu aufgelegt

 

 

Die Neuaflage des Buches des Kronstädter Stadtarztes Paulus Kyr von 1551, „Die Gesundheit ist ein köstlich Ding“, wurde am Samstag im Erasmus-Büchercafé vom Herausgeber Robert Offner vorgestellt. Aktuelle Anmerkungen, Ratschläge, Schwarz-Weiß-Abbildungen sowie ein alphabethisches Verzeichnis von 208 der bekanntesten Lebensmittel jener Zeit  vermitteln dem wissbegierigen Leser einen Einblick in die Lebensführung und Denkweise im Siebenbürgen des 16. Jahrhunderts. Das Buch enthält die lateinische Originalverfassung und die Übersetzungen in drei Sprachen – Deutsch, Rumänisch und Ungarisch.     

 

Man hat es einfach heutzutage. Gegen Schmerzen allerlei nimmt man einfach Analgetika ein, die meisten von uns finden es nicht nötig, den Arzt mal danach zu fragen. Wir kümmern uns selbst darum. Wichtig ist: Schmerz wird gelindert, die Ursache scheint uns nicht mehr so sehr zu interessieren.

 

Anders war die Einstellung der Menschen im 16. Jahrhundert. Von Prävention ist immer gepredigt worden, in Siebenbürgen schriftlich sogar schon seit fast 460 Jahren. Die gesunde Lebensführung ist die Kernaussage des Gesundheitslehrbuches, das  im Jahre 1551 zum ersten Mal vom Stadtarzt Paulus Kyr für die Honterusgemeinde in Kronstadt veröffentlicht wurde. „Die Gesundheit ist ein köstlich Ding“ oder,  in seiner Zeit, „Sanitatis studium ad imitationem aphorismorum compositum item, alimentorum uires breuiter et ordine alphabetico positae“, gilt als erstes gedrucktes medizinisches Buch Siebenbürgens, so der Philologe und Medizinhistoriker László András Magyar in einem der drei einleitenden Beiträge, die in der neu herausgegebenen Auflage zu lesen sind.

 

Das Büchlein war laut Widmung für die Schüler des evangelischen Gymnasiums gedacht: „Paulus Kyr wünscht der studierenden Jugend von Kronstadt Heil und Wohlfahrt“. Durch seine Komplexität und die zahlreichen Anweisungen,  galt das im Lateinischen verfassten Schulbuch, trotz der hilfreichen Ratschläge, zu seiner Zeit als eher exklusiv. Viele Beispiele konnten wohl nur von denjenigen verstanden werden, die mit der klassischen Diätetik wie z. B. der Viersäfte-Lehre vertraut waren. Dieser medizinphilologischen Theorie nach, bestehe die Welt aus vier Elementen, Erde, Wasser, Feuer und Luft, deren je ein „Saft“ im Organismus entspreche. Was Kyr eigentlich in seinem Lehrbuch analysiert, sind „die nicht natürlichen Verrichtungen“, die den Gesundheitzustand jedes Menschen beeinflussen. Es gäbe also sechs Verrichtungen – Luft, Speise und Trank, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Ausleerung und Anfüllung (des Leibes) und die Gemütsverfassungen – die man beachten müsse, sowohl um Krankeiten zu vermeiden als auch um einen gesunden Geist in einem gesunden Körper zu haben.

 

Die präzisen Erklärungen in Bezug auf die Funktionen der menschlichen Organe infolge verschiedener chirurgischer oder pflanzlicher Behandlungen geben dem Leser den Eindruck, dass er als Studierender dem Lehrer Paulus Kyr in einer Aula  des 16. Jahrunderts zuhört. Auch  bekommt man Einblick in die Praktiken der Zeit bei der Entleerung von den „bösen Säften“ mit Hilfe empirischer Methoden wie u.a. Aderlass, Schröpfkopf, Erbrechen oder Stuhlausscheidung.   

 

Manche Empfehlungen mögen von modernen Lesern als banal oder selbstverständlich empfunden werden. Es gibt trotzdem in dem Buch Aussagen, deren Aktualität unumstritten ist. Tägliche Spaziergänge, Übungstätigkeit vor und nach einem Mahl, häufige Bäder, vorsichtige Kombinationen von Lebensmitteln aber auch die Erkenntnisse über den Einfluss der Gemütsverfassung auf die Lebensführung bestätigen seine Allgemeingültigkeit bis zum heutigen Tag.

 

Das erstrangige Lebensbuch mit Aphorismen zahlreicher Gelehrter wie Hippokrates oder Galenus sei allen empfohlen, die sich für die Heilkunde in einer Ära ohne Nanotechnologie oder anderen modernen Methoden der Diagnosestellung begeistern können. Und für den folgenden Rat des Stadtmedikus: „Trink so, dass du noch Durst, iss so, dass du noch Hunger hast“. Allerdings sollte man den Arztbesuch nicht durch die Lektüre ersetzen...

 

Da das Buch in drei Sprachen zu lesen ist, dürfte es auch ein breites Publikum nicht nur in Siebenbürgen erreichen. Das sei ihm gewünscht.  

 


Paulus Kyr: „Die Gesundheit ist ein köstlich Ding“. Ein ins Deutsche, Rumänische und Ungarische übersetzter und mit zeitgenössischen Bildern versehener und kommentierter Nachdruck des Gesundheitslehrbuches des Kronstädter Arztes Paulus Kyr. Hg. Robert Offner. Hermannstadt, Bonn: Schiller Verlag 2010.

 

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Rezensionen zu Edit von Coler



Konrad Wellmann in der Hermannstädter Zeitung vom 09.04.2010

 

Mata Hari in Rumänien?             

 

Zur Biographie der „Nazi-Agentin“ Edit von Coler

 

Den Buchumschlag ziert das Porträt einer eleganten, im Stil der 1920er Jahre gekleideten Dame. Die ansprechende Gestaltung des Covers in den Reichsfarben schwarz-weiß-rot (gleichzeitig die der Hakenkreuzflagge!) und der Untertitel „Als Nazi-Agentin in Bukarest“ wecken die Neugier des Lesers. Das im Hermannstädter Schiller-Verlag erschienene Buch des Franzosen Jacques Picard versucht Licht in das Wirken einer geheimnisvollen Akteurin auf der politischen Bühne Rumäniens vor 1939 und nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zu bringen.

 

Mata Hari ist bis heute der Inbegriff der raffinierten Spionin, die mit ihrer erotischen Ausstrahlung hohen Offizieren militärische Geheimnisse entlockt. Der Name Edit von Coler sagt jedoch den wenigsten etwas. Den Versuch, diese Lücke zu füllen, macht das Buch von Jacques Picard.

 

Wer war die mysteriöse Unbekannte? Welche Rolle spielte sie in der deutschen und rumänischen Politik? Weshalb gilt sie bis heute als schillernde Persönlichkeit?

 

Edit von Coler wird 1895 als Edit Heinemann in Berlin geboren. Als Kind konservativer, wohlhabender Eltern hat sie Zugang zu höchsten Kreisen. Im Jahr der Russischen Oktoberrevolution heiratet sie den Oberleutnant Ulrich von Coler, später Oberst der Wehrmacht und der finnischen Armee, bei der er sich im Kampf gegen die Bolschewisten Verdienste erwirbt. Trotz der Geburt der (einzigen) Tochter Jutta (1918) trennt sich das Paar 1922. Hauptgrund ist der schwerreiche Geschäftsmann Paul Lohmann, der Edit bis 1930 ein märchenhaftes Leben ermöglicht, das sie zur Gründung einer Yachtschule und zum Erwerb des Kapitänspatents nutzt – als einzige Frau ihrer Zeit. Sie soll auch rechtskonservative Verbände finanziell unterstützt haben. Antrieb ihres Handelns ist die Beseitigung der Folgen des Vertrags von Versailles, der nicht nur in ihren Augen Deutschland zutiefst gedemütigt hat. Schon früh (Mai1931) tritt sie in die NSDAP ein und macht Karriere. Sie wird Dramaturgin beim Staatstheater, vermutlich eine Tarnfunktion, um „Salonspionage“ zu betreiben. Im März 1935 avanciert sie dank ihrer Fremdsprachenkenntnisse zur Auslandspressechefin im Reichsnähramt. Das Interesse an Rumänien wird geweckt durch ihre Vorliebe für rumänische Zigeunermusik!

 

Das frankophile Rumänien war als Mitglied der „Kleinen Entente“ in den 20er Jahren zur Regionalmacht im Südosten Europas aufgestiegen. Da es für Hitlers Pläne zur Eroberung von „Lebensraum“ in Russland beste Voraussetzungen bot (geopolitische Lage und die weltweit fünftgrößten Erdölvorkommen), versucht Deutschland dieses Land „friedlich“ zu erobern. Dafür scheint eine so kluge, gewandte, begabte und außerdem wunderschöne Frau bestens geeignet, zumal sie treu zur Nazi-Ideologie steht.

 

Ihren ersten spektakulären Coup landet sie, als sie den Streit zwischen den beiden seit 1935 rivalisierenden rumäniendeutschen NS-Parteien im Oktober 1938 innerhalb von 48 Stunden schlichtet. Es ist viel darüber gerätselt worden, wie ihr dies so schnell gelingen konnte. Vermutungen legen nahe, sie habe als Beauftragte der Nazis den Radikalen damit gedroht, daß die NSDAP ihnen die Finanzierung streiche. Damit mischt sich das „Mutterland“ nach 800 Jahren erstmals in die Politik der hiesigen Volksdeutschen ein.

 

Auch in Rumänien findet sich wieder ein großzügiger Mäzen: Der 54-jährige germanophile Industrielle Nicolae Malaxa ist der reichste Mann Rumäniens, eine „byzantinische Figur“ (75), die zudem auf die Presse Einfluß nimmt. Durch ihn bekommt sie einen einjährigen Vertrag beim „Curentul“ (ihr Name erscheint jedoch nicht im Impressum), wird fürstlich bezahlt und bewohnt ein komplettes Appartement im Hotel Athenée Palace.

 

Sie beginnt sofort mit vollem Einsatz ihre Aktivitäten im Sinne des Deutschen Reichs. Schon Anfang 1939 wird der französische Geheimdienst auf sie aufmerksam und verdächtigt sie, Gestapo-Agentin zu sein. Zum deutsch-rumänischen Wirtschaftsvertrag, der die für Deutschlands Kriegspläne notwendigen Erdöllieferungen garantiert, hat sie im Hintergrund Wesentliches beigetragen – nach ihren Worten arbeitet sie nur für die „Sicherung des Friedens“ und die „friedliche Gewinnung eines wirklichen Freundes für Deutschland“ (98). Ihr Wirken in Bukarest ist für Agenten unterschiedlicher Staaten auffällig. Die Vielzahl ihrer Kontakte weckt sogar das Mißstrauen der Gestapo, die sie verdächtigt, eine Doppelagentin zu sein.

 

Nach dem „Blitzkrieg“ gegen Frankreich und dessen Kapitulation am 14. Juni 1940 hat Rumänien nicht mehr die politische Kraft, sich gegen die „Umarmung“ der Deutschen zu wehren. Zudem droht die Sowjetunion mit einem Angriff, wenn die Nordbukowina und Bessarabien nicht an sie abgetreten werden. Der „Wiener Schiedsspruch“ führt zur Rückgabe Nordostsiebenbürgens an Ungarn. Auch die Süddobrudscha geht zurück an Bulgarien. Dies ist das Ende von Großrumänien und das politische Aus für Carol II., der kurz danach abdanken und ins Exil gehen muß. Davor erhält Edit von Coler noch die lang ersehnte Privataudienz beim König – ohne die Genehmigung der deutschen Gesandtschaft. Sie hat sich darauf gut vorbereitet und wird beim einstündigen Gespräch mit dem König zahlreiche wirtschaftspolitische Fragen ansprechen. Ihr eigenmächtiges Handeln verärgert die Vorgesetzten in Bukarest und Berlin. Sie wird abberufen und muss am 2.8.1940 das Land verlassen. In Deutschland wird ihr der Paß abgenommen, und sie wird bis zum Kriegsende nicht mehr ins Ausland reisen dürfen.

 

Wie es ihr nach dieser Enttäuschung ergeht und was mit ihr bis zum Kriegsende und danach passiert, berichtet der Autor weiterhin faktenreich und spannend. Sie stirbt am 14.5.1949 im Alter von nur 54 Jahren. „Das Grab Edit von Colers gibt es nicht mehr“ (208).

 

Was ist das Faszinierende an dieser Frau? Sie war eine intelligente, gebildete, überdurchschnittlich begabte und versierte Diplomatin, hervorragend dafür geeignet, im Dienste einer Sache zu agieren, zu vermitteln und politische Erfolge zu erringen. Aus ihrer Perspektive handelt sie mit den besten Absichten. Leider setzt sie ihre überragenden Fähigkeiten für ein verbrecherisches Regime ein.

 

Das Buch ist die erste Biographie dieser undurchsichtigen Persönlichkeit. Der Autor übersetzte sein Werk selbst ins Deutsche. Vor allem Zitate aus Edit von Colers zahlreichen Briefen und aus dem Tagebuch vermitteln den LeserInnen ein detailliertes Bild der rumänischen Zwischenkriegszeit. Es ist im besten Sinne populärwissenschaftlich, von den Fakten her gediegen, spannend erzählt, im Allgemeinen korrekt formuliert, mitunter in einem etwas saloppen Stil. Ärgerlich sind zahlreiche Druckfehler im Text und Ungenauigkeiten bei den bibliographischen Angaben. Am Schluß sind Kurzbiographien wichtiger politischer Persönlichkeiten zu finden, leider fehlt ein Personenregister.

 

Das sind aber geringfügige Mängel einer im übrigen verdienstvollen Biographie. Dr. Paul Milata, der den Anstoß zu diesem Werk gab, hat das Vorwort dazu geschrieben. Es kann als Glücksfall gewertet werden, daß Picard in vielen Gesprächen mit Jutta Schröder, dem einzigen Kind Edit von Colers, noch wichtige Details über die Mutter erfuhr. Die Tochter starb im November 2009 - ihr ist das Buch gewidmet.

 

Der Autor hat das Manuskript im Dezember 2009 abgeschlossen, aber sein Erscheinen nicht mehr erlebt. Er starb im März dieses Jahres in seinem 66. Lebensjahr in Le Val d’Ajol in den Vogesen.

 

 

Hannelore Baier in der ADZ vom 09.04.2010

 

Eine schillernde Persönlichkeit

 

Zum Buch von Jacques Picard „Edit von Coler. Als Nazi-Agentin in Bukarest“

 

Von Hannelore Baier

 

 

Sie wurde 1895 in Berlin-Charlottenburg in eine Künstlerfamilie geboren und wuchs mit dem Bewusstsein auf, zu der privilegierten deutschen Gesellschaftsschicht zu gehören. Dieses Bewusstsein wird auch im zerbombten Berlin und durch den Krieg zerstörten Deutschland nicht erschüttert. 1917 ging sie eine Vernunftehe ein, die ihr jedoch zum Adelstitel verhalf. 1914 hatte sie sich bei Ausbruch des Krieges im Zivildienst engagiert, den Versailler Vertrag empfand sie als persönlichen Affront. Am 1. Mai 1931 trat sie der NSDAP bei und in deren Dienst. Sie brachte ihrer Cousine Margarete Himmler, der Gattin des Reichs- und Gestapoführers, die feinen Manieren bei. Dieser Verwandtschaft, vor allem aber Ihrem Charme, der Intelligenz und Vermittlungsgabe sowie den mit allen Mitteln gepflegten Beziehungen verdankte sie den Aufstieg in die höchsten Kreise der NS-Führung. Diese setzte sie in offizielle Ämter ein und gebrauchte sie als Agentin. Unter anderem in Rumänien.

 

 

„Edit von Coler. Als Nazi-Agentin in Bukarest“. Unter diesem Titel erschien soeben die von Jacques Picard verfasste erste Biografie, die dieser zu den schillernden Gestalten des Nazi-Reiches gehörenden Frauen gewidmet ist. Das Buch wurde in Französisch verfasst, vom Autor, der als Gymnasiallehrer 30 Jahre lang in Deutschland gelebt hat, selbst ins Deutsche übertragen. Picard verstarb bevor das Buch als Druck vorlag, eine seiner wichtigsten Quellen, Jutta Schröder, die Tochter Edits von Coler, starb im November 2009.

 

 

Edit von Coler kam als Gestapo-Agentin und Wirtschaftsspionin nach Bukarest, ist im Anhang zu den von Rolf Pusch verfassten Memoiren zu lesen, der von 1937 bis 1940 an der deutschen Gesandtschaft in Bukarest tätig war. R.G. Waldeck, im Auftrag der „Newsweek“ 1940/1941 in Bukarest, meint in ihrem Buch „Athene Palace“, von Coler sei nicht Hitlers Spionin, sondern Propagandistin gewesen, eine „komplexere Mission“: Statt auf den Augenblick zu warten, in dem ihr wahre Geheimnisse in die Hand fallen, musste sie Tendenzen und Gemütslagen in den einflussreichen Kreisen entdecken, sowie den Charakter, die Meinungen und Schwächen von Persönlichkeiten mit Entscheidungsmacht in der Politik. Das tat sie in den Kreisen um König Carol II., den Großindustriellen Nicolae Malaxa und andere. Überliefert blieben viele Informationen aus dem mondänen Leben und auch Briefe, rarer gesät sind Dokumente, die ihr Wirken belegen. Aus diesem Grund kann Picard oftmals nur Vermutungen anstellen. Sein Buch ist jedoch eine Premiere, „da es ... die richtigen Akzente setzt“, so Dr. Paul Milata in dem Vorwort.

 

 

Edit von Coler erhält 1935 auf Empfehlung Himmlers das Amt der Auslandspressechefin im Reichsnähramt. Im Dienst der Blut- und Boden-Weltanschauung kommt sie 1938 nach Rumänien. Offiziell „arbeitet“ sie als Journalistin und erledigt eine Reihe Aufträge. Dazu gehört, das Wirtschaftsabkommen mit vorzubereiten, das am 23. März 1939 unterzeichnet wird und Deutschland die Erdöl- und Getreideeinfuhr aus Rumänien sichert. Edit von Coler hat damit „die friedliche Eroberung Rumäniens“ (S. 90) geschafft.

 

 

Ein weiteres Bemühen gilt dem Beenden des „Bruderzwists“ der „volksdeutschen Gruppen“, vorrangig jener um Alfred Bonfert und Fritz Fabritius, die: „Beide behaupten, die wahren Vertreter der neuen Weltanschauung zu sein ...“ so von Coler. In mehreren Briefen an das Reichsaußenministerium und an Werner Lorenz, den Chef der Volksdeutschen Mittelstelle, berichtet sie im November 1938 über die erfolgreiche Schlichtung der Zwistigkeiten (S. 62–63). Die Hitzköpfe bereiten ihr aber weiterhin Sorge, sodass sie Lorenz im September 1939 bittet „energisch einzuschreiten“, denn: „Das unvorsichtige Benehmen der Volksdeutschen gefährdet unsere Arbeit“ (S. 112). Auch teilt sie mit: „Wehrfähige Deutsche werden von hier nach Deutschland berufen, obwohl sie an der deutschen Front durch ihre kleine Zahl keinerlei Hilfe bedeuten, hier aber von größter Wichtigkeit sind“. Dies zum Thema, die Volksdeutschen seien erst 1940 gleichgeschaltet worden.

 

 

Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan und wurde gegangen. Im Juli 1940 ruft Reichaußenminister von Ribbentrop Edit von Coler „aus politischen Gründen“ aus Bukarest ab. Sie wird keinen weiteren Auftrag und auch nie mehr eine Ausreisegenehmigung erhalten. Von Coler – und auch ihr Biograf – suchen nach allen möglichen Erklärungen dafür, vermutlich gibt es eine ganz einfache: sie war zu auffällig geworden. Nach Kriegsende kommt Edit von Coler für kurze Zeit ins Internierungslager in Moosburg, von wo ihre Tochter sie herausholen kann. Sie stirbt vereinsamt im Mai 1949.

 

 

Edit von Coler war eine glamouröse Persönlichkeit, wie insbesondere Diktaturen und korrupte Gesellschaften sie hervorbringen. Auch Jacques Picard war fasziniert von dieser sicherlich außergewöhnlichen Frau. Das mit zahlreichen Fotos illustrierte Buch ist entsprechend lesenswert.

 

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Ein Lesebuch durch 300 Jahre siebenbürgische Geschichte



In den Archiven Siebenbürgens verbergen sich wahre Schätze, Kuriositäten oder einfach inter­essante Dokumente der vergangenen Jahrhunderte. Zu Gesicht bekommen diese in der Regel nur die Archivare des Landesarchivs der evangelischen Kirche in Rumänien oder Forscher, die sich durch dieselbigen arbeiten. Eine Auswahl an pubikationswürdigem Material hat die Leitung des Landesarchivs im Dezember 2009 unter dem Titel „Goldkörner II. Historisches Lesebuch aus den Archiven der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien“ veröffentlicht.


Die 81 zusammengestellten Dokumente sollen nach Angaben der Herausgeber Liliana Popa und Archivleiter Dr. Wolfram G. Theilemann die Mannigfaltigkeit, die thematische und sprachliche Vielfalt der Archivbestände deutlich machen. Wie schon im 2004 erschienenen Vorgängerband „Goldkörner“ enthält das Buch „Fundstücke und Stolpersteine, die uns (den Herausgebern) während der archivischen Erschließung der inzwischen über 200 Kirchengemeinde- und Bezirksbestände in die Hände fielen“.

 

...Die veröffentlichten Urkunden sind ganz unterschiedlicher Art. Faksimiliert oder in nachgedruckter Form findet der Leser kirchliche Unterlagen wie Predigten, Quittungen, Briefe und Anweisungen verschiedener Instanzen oder Visitationsberichte. Ein Bericht über sächsische Bräuche aus dem Jahr 1790, ein Brief an den Di­rektor des Hermannstädter Evangelischen Gym­nasiums oder ein Reisebericht geben Einblick in das (deutschsprachige) Alltagsleben Siebenbürgens. Militärisch-politische Ambitionen werden beispielsweise in einem 1731 in Hermannstadt verfassten Memorandum deutlich.

 

Die Herausgeber haben die meist kurzen, teilweise aber auch mehrere Seiten umfassenden Do­kumente in fünf Rubriken eingeteilt: Liebe Ordnung, halte sie, sie erspart dir viele Müh’!; Das Eigentum der Kirche an ihrem Kulturgut müsste festgehalten werden; Jeder Kirchendienst ist Liebesdienst, Liebe Gäste empfangen – Evangelische unterwegs; Ökumene sui generis. Das älteste Dokument ist ein Nachbarschaftsartikel aus dem Schenker Stuhl aus dem Jahr 1730, in dem Regularien und Pflichten der Nachbarschaftsmitglieder festgelegt sind. Ein Rundschrei­ben des Hermannstädter Bezirkskonsistoriums ist das jüngste der veröffentlichten Fundstücke. In ihm sollten dazumal die Vertretungsdienste in pfarrerlosen Gemeinden geregelt werden.

 

Die Herausgeber beließen die Dokumente weitgehend im Originalzustand. Schreibweisen wurden, wenn überhaupt, nur gelegentlich und behutsam transkribiert. Um die Archivalien rumänischen Lesern zugänglich zu machen, bekamen die deutschsprachigen Materialien rumänische Zusammenfassungen, analog wurde mit rumänischen Textteilen verfahren. Dazu werden wichtige Begriffe in Fußnoten erläutert.

 

Die Herausgeber liefern mit diesem Buch einen interessanten Einblick in 300 Jahre siebenbürgischer Geschichte. Der Fokus liegt, was angesichts der Herkunft der Dokumente nicht ver- ­wundert, auf sächsischen, vor allem kirchlichen Aspekten. Einige faksimilierte Materialien runden diesen historischen Spaziergang ab. Die handschriftlichen Briefe und alten Drucke lassen den Leser erahnen, welche Leistung hinter der Aufarbeitung der Archive steckt. In der Tat ist es Popa und Theilemann gelungen, aus den vorhandenen Fragmenten ein lesbares Buch zu formen, mit verschiedenenartigen, authentischen und mitunter zum Schmunzeln anregenden Texten.

  

Holger Wermke, Siebenbürgische Zeitung, 09.03.2010

 

 

Liliana Popa, Wolfram G. Theilemann (Hrsg.): „Goldkörner II. Historisches Lesebuch aus den Archiven der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien/Grăuncioare de aur II. Carte de citire istorică din arhivele parohiilor evanghelice C. A. din România”, Schiller Verlag Hermannstadt/Bonn 2009, 282 Seiten, 55 Lei / 19,90 Euro, ISBN 978-3941271272.

 

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Auf den Spuren von Prinz Charles



Was haben Silvia Eckert-Wagner und ihr Ehemann Dr. Bernd Wagner vom Pöttmeser Gumppenberg mit dem britischen Thronfolger Prinz Charles gemeinsam? Auf einer Wanderung „zu Fuß durch Siebenbürgen“ kamen die beiden durch das Vorzeigedorf Deutsch-Weißkirch (Viscri), das 1999 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde.

 

Im selben Jahr begann der Mihai Eminescu-Trust (MET), eine britisch-rumänische Stiftung, die sich die fachgerechte Renovierung nicht nur der auf einem Hügel stehenden typischen Kirchenburg, sondern auch die Sanierung der dort typischen Bauernhäuser zur Aufgabe gemacht hat. Der Schirmherr der Stiftung ist der britische Thronfolger Prinz Charles, der seither fast in jedem Jahr nach Deutsch-Weißkirch gekommen ist und im selben Haus genächtigt hat, in dem auch das Ehepaar vom Pöttmeser Gumppenberg Quartier bezogen hat.

 

Nicht auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela

 

„Wir haben im selben Bett geschlafen, wie Prinz Charles“, lacht Silvia Eckert-Wagner rückblickend. Jetzt hat die Schrobenhausener Gymnasiallehrerin ein Reisetagebuch verfasst und ihre Erlebnisse aufgeschrieben. Titel: „Zu Fuß durch Siebenbürgen - von Hermannstadt/Sibiu nach Deutsch-Weißkirch/Viscri“. Natürlich kommt auch Prinz Charles in diesem überaus locker und verständlich geschriebenen, 132 Seiten umfassenden Reisebericht vor, in dem Land und Leute, Landschaft und Geschichte, aber auch die eigenen, ganz persönlichen Empfindungen nicht zu kurz kommen. Fazit: „Siebenbürgen ist ein wunderbares Wanderland“. - „Unsere Idee, durch Siebenbürgen zu Fuß zu wandern - von Dorf zu Dorf, von Kirchenburg zu Kirchenburg - nahm erst langsam Form an“, berichtet Silvia Eckert-Wagner. „Wir waren damit nicht allein, denn zur gleichen Zeit erlebte Europa eine Pilger-Renaissance.“ Überall begannen zivilisationsmüde Menschen auf den Jakobswegen in Richtung Santiago de Compostela zu wandern. Doch die beiden vom Gumppenberg, der einst im (erfolgreichen) Kampf gegen eine drohende Mülldeponie für Schlagzeilen gesorgt hat, scheuten diese Massenbewegungen.

 

Statt Elsass, Süd-England oder Tschechien also diesmal Rumänien, genauer Siebenbürgen im Karpatenbogen. Und das hatte einen familiären Grund: Die Mutter von Dr. Bernd Wagner (der sich, ebenso wie Prinz Charles, dem Naturschutz verschrieben hat) stammt aus Mediasch/Medias, Bruder Wolf und Schwägerin Renate sind in Siebenbürgen aufgewachsen. „Nun wollten wir Siebenbürgen auf andere Art kennenlernen“, so Silvia Eckert-Wagner. „Vor allem zu Fuß.“ Nicht wie Ehemann Bernd, der Ende der 70er-Jahre schon mal dort war, als der Eiserne Vorhang Europa teilte, in Rumänien Nicolae Ceausescu an der Macht gewesen ist und mit seinem Geheimdienst „Securitate“ Angst und Schrecken verbreitet hat.

 

Zutiefst beeindruckt auch von der „Herzlichkeit der Menschen und von der Schönheit dieser einzigartigen Kulturlandschaft haben wir uns entschlossen, ein Reisetagebuch zu schreiben“. Ehefrau Silvia verfasste den Text, Ehemann Bernd begleitete die Wanderung, an der zeitweise auch das Pöttmeser Ehepaar Haile aktiv beteiligt war, mit der Kamera.

 

Es gibt viele Gründe, durch Siebenbürgen zu wandern, sind die Autoren überzeugt. Die liebliche Landschaft, die bewegte Geschichte dieses Landes, das Weltkulturerbe der 140 Kirchenburgen, die einst die Siedler wehrhaft vor dem Einfall der Tataren und später der Türken schützen sollten, die pittoresken, historischen Altstädte, die ursprünglichen Dörfer, die meist ihren romantischen Biedermeier-Charakter erhalten haben.

 

Zur europäischen Kulturhauptstadt gekürt

 

Allen voran nennt Silvia Eckert-Wagner die Hauptstadt Hermannstadt, die 2007 zur europäischen Kulturhauptstadt gekürt wurde. Hier in Siebenbürgen scheint in mancherlei Hinsicht die Zeit stehen geblieben zu sein. Der Pferdekarren ist immer noch ein beliebtes Fortbewegungsmittel. Die paradiesische Ruhe, die durch keinen Motorenlärm zerstört wird, die weitgehend unberührte Natur, der Kontakt zur Bevölkerung, der durch das Zufußgehen wesentlich erleichtert wird -all dies seien Aspekte, die sich nur dem Wanderer eröffnen.

 

Silvia Eckert-Wagner: „Unser Reisetagebuch lässt den Leser an den Erlebnissen unserer Wanderung teilhaben, als Wanderführer soll es zur Nachahmung ermuntern ...“

 

Gert-Peter Schwank, Augsburger Allgemeine Zeitung vom 13.3.2010

 

Eckert-Wagner, Silvia
Zu Fuß durch Siebenbürgen
Von Hermannstadt/Sibiu nach Deutsch-Weißkirch/Viscri
(SUB-Verlag)

ISBN: 978-3-00-030079-0
132 Seiten, 79 Farbbilder, Paperback, 21,0 x 15,0 cm, Pöttmes 2010

 

80 Lei / 19,50 Euro

 

 

 

Subjektive Anthologien



„Sommertage in Birthälm“ und „Transilvania mon amour“

 

Zwei ausgewanderte Siebenbürger, Gerda Ziegler und Dieter Schlesak, haben je eine lesenswerte Anthologie herausgegeben, die einen subjektiven Blick auf die Literatur- und Kulturlandschaft Siebenbürgen anbieten.

 

Der von Dieter Schlesak herausgegebene Band „Transilvania mon amour“ enthält zunächst eigene Texte des gebürtigen Schäßburger Schriftstellers, ergänzt mit Texten bekannter und weniger bekannter Siebenbürger Autoren und Autorinnen, die Schlesak ausgewählt hat. Der Untertitel des zweisprachig verfassten Buches, „Siebenbürgische Elegien“ entspricht der Grundstimmung Schlesaks angesichts des Verlusts einer Kulturlandschaft aber auch der Grundhaltung der in Siebenbürgen lebenden Schreibenden, für die, so Schlesak „alles so desillusionierend ist, als könnte nichts mehr gut werden, auch das Schönste wird oft mit Hohn und Spott bedacht.“ Wer allerdings die Texte liest, merkt, wie viel Liebe für diese Landschaft darin mitschwingt.

 

Liebe nicht nur für den Heimatort, sondern auch für eine facettenreiche Darstellung dieses Ortes bewegte Gerda Ziegler, die Herausgeberin des Bandes „Sommertage in Birthälm“, der laut Untertitel „Literarisches, Geschichtliches und Kunstgeschichtliches zu Birthälm“ bietet. Verlagsleiter Benjamin Józsa sagte dazu bei der Präsentation am Donnerstag der Vorwoche im Café Wien: „Frau Ziegler war nicht nur Hebamme sondern auch Arzt und Pfarrer für dieses Buch“.

Die Herausgeberin begründete ihr Unterfangen damit, dass sie eine Ergänzung der bisher zu Birthälm erschienenen Monographien und nicht zuletzt einen „unvoreingenommenen“, einen „zweiten Blick“ auf diesen Ort bieten wollte. Sie habe neben die „Selbstbespiegelung“ die „Fremdbespiegelung“ setzen wollen. Ihr zur Seite standen Literaten und Kunstgeschichtler, Nachkommen bekannter siebenbürgischer Autoren und Künstler, die Texte und Zeichnungen aus deren Nachlass zur Verfügung stellten. In dem Band sind Oskar, Erwin und Joachim Wittstock vertreten, Adolf und Harald Meschendörfer, Ursula Bedners, Frieder Schuller sowie Eginald Schlattner, dazu die Kunsthistoriker Kinga German, Otmar Richter und Frank-Thomas Ziegler sowie der Architekt Hermann Fabini. Zusammen mit einem überaus reichen Bildteil bietet diese Anthologie ein buntes Bild des ehemaligen Bischofssitzes und ist das, was die Herausgeberin sich wünscht: eine vorbereitende Lektüre für einen ersten Besuch in Birthälm bzw. eine anschließende Vertiefung dieses Besuches.

 

Beatrice UNGAR, Hermannstädter Zeitung vom 26.02.2010

 

 

35.00 Lei / 10.00 Euro

 

56.00 Lei / 17.00 Euro

 

 

„Fünf Liter Zuika“: Paul Schuster, Förderer von Herta Müller, hinterließ einen gewaltigen Roman



Post aus Siebenbürgen

 

Von Olga Martynova

Er muss ein komplizierter, ja ein unmöglicher Mensch gewesen sein.

Paul Schuster hatte sich früher oder später mit allen seinen „Zöglingen“ zerstritten, zu vielen Freunden den Kontakt abgebrochen. In seinem Nachruf auf den 1930 in Siebenbürgen geborenen und 2004 in Berlin gestorbenen rumänisch-deutschen Autor hat David Ensikat das taktvoll beschrieben (Tagesspiegel, 25.5.2004). Aber vielleicht machte eben diese menschliche Labilität aus dem durchschnittlichen sozrealistischen Autor, der Schuster noch in den sechziger Jahren war schließlich einen bedeutenden Erzähler.

„Fünf Liter Zuika“, das Spätwerk des talentierten, mit vielen verrückten Ideen ausgestatteten Autors, der als Redakteur der deutschsprachigen Zeitschrift „Neue Literatur“ in Bukarest die neue rumäniendeutsche Literatur aus der Taufe hob und dabei auch Herta Müller und Richard Wagner förderte, lässt sich nun endlich zwischen zwei Buchdeckeln lesen. 863 gelbliche Seiten, erschienen in Sibiu (Hermannstadt), der siebenbürgischen Heimat des Autors, im dortigen Schiller Verlag. Der Roman ist unvollendet, ob weitere Teile existierten als die, die von 2002 an im Aachener Rimbaud Verlag erschienen, war unklar – die gebündelte Veröffentlichung will es auch jetzt nicht verraten. Sie kommt aus ohne Quellennachweis, ohne Anmerkungen, sogar ohne die Lebensdaten des Autors. Als einziger Begleittext die Tagesspiegel-Besprechung der hier schreibenden Rezensentin aus dem Jahr 2003 – mitsamt dem Hinweis, dass Schuster in Berlin lebt.

Die Lektüre ist dennoch zu empfehlen. „Fünf Liter Zuika“ ist ein beeindruckendes Epos, das mit dem Ende des Ersten Weltkriegs einsetzt und bis tief in den Zweiten Weltkrieg reicht. So naiv wie verschmitzt, in einem stets leicht stilisierten Ton, erzählt Schuster vom Alltag der seit 800 Jahren in Siebenbürgen ansässigen deutschen Bauern. In den letzten Kapiteln wird das Ganze endgültig verspielt und unnatürlich. Wie Schuster sich daraus befreien wollte – wir werden es nicht mehr erfahren.



Paul Schuster:
Fünf Liter Zuika.
Roman in sieben Teilen. Schiller Verlag, Hermannstadt 2009. 863 Seiten,
24 €

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 18.10.2009)

 

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Dumutriu Staniloae (1903–1993) - Rumänische Theologie von europäischer Dimension



Der aus Vlădeni/Rumänien stammende Dumutriu Stăniloae (1903–1993) zählt zu den bedeutendsten orthodoxen Theologen der Gegenwart. Nach seinem Studium in Czernowitz, Athen, München, Berlin, Paris und Belgrad unterrichtete er an der Theologischen Akademie in Sibiu/ Hermannstadt vor allem Dogmatik.

Auf Druck der Kommunisten wurde Stăniloae 1947 von Sibiu nach Bukarest an die dortige theologische Fakultät zwangsversetzt. 1958 wurde er von der Securitate verhaftet und anschließend zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt. Nach seiner Haftentlassung lehrte er noch einige Jahre an der Bukarester Fakultät und betreute mehrere Doktoranden, u. a. den heutigen Patriarchen der Rumänischen Orthodoxen Kirche, Daniel (Ciobotea).
Zu den wichtigsten theologischen Werken Stăniloaes zählen u. a. seine dreibändige «Orthodoxe Dogmatik» (1978), die von Hermann Pitters ins Deutsche übersetzt worden ist, sowie die beiden Monographien «Orthodoxe Spiritualität:
Asketik und Mystik» (1981) und «Spiritualität und Gemeinschaft in der orthodoxen Liturgie» (1986).

Bleibenden Verdienst hat sich Stăniloae zudem durch die Sammlung und Übersetzung von Kirchenvätertexten («Rumänische Philokalie», 1946–1991) erworben.

Mit Leben und Werk dieses außergewöhnlichen Theologen und geistlichen Vaters hat sich im Juli 2006 eine internationale Konferenz in Sibiu auseinandergesetzt. Der vorliegende Band dokumentiert die einzelnen Beiträge dieses ökumenischen Symposions, das von der rumänisch-orthodoxen Metropolie von Siebenbürgen, der Evangelischen Akademie Siebenbürgen und der ökumenischen Stiftung «Pro Axe Mundi» (Bukarest) organisiert worden war.

Zu den Autoren der einzelnen Beiträge zählen wichtige Bischöfe der Rumänischen Orthodoxen Kirche sowie Theologen aus dem In- und Ausland (Orthodoxe, Lutheraner, Anglikaner, Baptisten), die sich seit längerem wissenschaftlich mit Stăniloae beschäftigen.

Thematisch ist der Sammelband in fünf Blöcke angeordnet: «Hinführung» – «Zur Biographie» – «Themen der Dogmatik» – «Liturgie und Spiritualität» sowie «Theologie im Dialog – Vater Dumitru Stăniloae zwischen Patristik und zeitgenössischer Theologie». Die meisten Beiträge sind in rumänischer Sprache abgedruckt, mit kurzen deutschen Zusammenfassungen nach jedem Artikel.

 

Stefan Kube

 

aus G2W, Heft 10/2009

 

Dumutriu Stăniloae (1903–1993)
Teologie romanească de dimensiune europeană
Rumänische Theologie von europäischer
Dimension
Sibiu/Hermannstadt: Schiller-Verlag 2008. 292 S.
ISBN: 978-973-88536-5-2. € 6.–.

 

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Aus dem Glauben leben - Metropolit Serafim



Anlässlich seines 60. Geburtstages durfte sich der rumänisch-orthodoxe Metropolit Serafim (Joantă) von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa über ein ganz besonderes Geschenk freuen: Die Evangelische Akademie Siebenbürgen würdigte ihn mit einer Festschrift. Allerdings keine Festschrift im herkömmlichen Sinne mit Beiträgen unterschiedlicher Autoren, sondern der Band umfasst vor allem deutschsprachige Texte – Vorträge, Aufsätze, Predigten und Andachten – von Metropolit Serafim aus den Jahren 1998 bis 2008.

Seit 1994 leitet Metropolit Serafim dieMetropolie von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa (mit Sitz in Nürnberg) und betreut rumänisch-orthodoxe Christen in Deutschland, Österreich, Luxemburg, Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland. In seiner Anfangszeit als Metropolit musste er vor allem Aufbauarbeit leisten: es gab keinen eigentlichen Bischofssitz, die Gemeinden waren zerstreut und schlecht organisiert, eine finanzielle Grundausstattung der Metropolie war faktisch nicht vorhanden. Diese seelsorgerischen und administrativen Herausforderungen spiegeln sich in einer Vielzahl der gesammelten Texte wider. Die abgedruckten Ansprachen – etwa zur Grundsteinlegung neuer Kirchen – zeigen aber auch, mit welch unermüdlichem Einsatz Metropolit Serafim in den letzten Jahren den Aufbau des kirchlichen Lebens vorangetrieben hat.

Dass sich die Aufgabe eines Diasporabischofs keineswegs nur auf die Betreuung der eigenen Gläubigen beschränkt, sondern dieser immer auch ein Botschafter seiner Kirche und seines Landes im ökumenischen und kulturellen Dialog ist, veranschaulichen die zahlreichen Vorträge von Metropolit Serafim an Kirchentagen und wissenschaftlichen Konferenzen. Ein besonders Anliegen ist ihm dabei die Vermittlungsarbeit zwischen Ost- und Westkirche, so dass er immer wieder bemüht ist, Missverständnisse zwischen Orthodoxen und Christen der westlichen Tradition aus dem Weg zu räumen.

Neben Texten zur Situation der Rumänischen Kirche in der Diaspora sowie zur Orthodoxie und Ökumene enthält der Band noch drei weitere thematische Blöcke: «Christliche Spiritualität und orthodoxe Theologie» – «Kirche und Gesellschaft» – «Hirtenbrief und Botschaften». Aufgrund der verständlichen Sprache und Darstellung bieten die gesammelten Texte von Metropolit Serafim einen guten Einblick in die orthodoxe Theologie und Spiritualität – und machen Mut, den ökumenischen Dialog trotz aller Hindernisse und Schwierigkeit fortzusetzen.

Stefan Kube (aus: G2W 10/2009, Zürich)

 

Aus dem Glauben leben
Gesammelte Texte von Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa zur orthodoxen Theologie und Spiritualität,
hg. von Jürgen Henkel
Sibiu/Hermannstadt: Schiller-Verlag 2008. 413 S.
ISBN: 978-3-941271-08-1. € 10.–.

 

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Ein Büchlein mit Gedichten von Hans Klein ist erschienen



Mut und Hoffnung

 

Von Holger Wermke

 

„Sei guten Mutes und mach aus diesem Tag ein kleines Fest...“ Eine Losung für jeden neuen Tag sollen diese Worte sein. So verspricht es der Titel des Gedichtes, mit dem der Gedichtband „Kleine Lichter für besondere Stunden“ von Hans Klein beginnt. Optimistische Worte aus der Feder eines Mannes, der als Theologe gewohnt ist, den Menschen Mut zu machen und Trost zu spenden. Nicht nur mit aus der Bibel entlehnten Worten, sondern auch eigenen in Form poetischer Werke. Eine Auswahl von 56 Gedichten findet sich in dem kürzlich erschienenen Büchlein wieder.In kurzen und längeren Texten führt Hans Klein den Leser durch das Jahr. Chronologisch geordnet widmen sich seine Gedanken und Beobachtungen christlichen Festen, dem Lauf der Jahreszeiten oder reflektieren den Gang der Natur. Religiöse Motive thematisiert Klein in zahlreichen seiner Gedichte, so in „Ostern“, „Konfirmation“ oder „Wenn es doch aber keinen Gott gibt...?“. Dazwischen eingestreut sind immer wieder Botschaften an den „Mut“ oder die „Wahre Hoffnung“, die ein „Licht in der Finsternis“ für den Leser sein können. Viele Gedichte sind illustriert mit Fotografien von Anselm Roth. Die Aufnahmen siebenbürgischer Landschaften und Details unterstützen die Aussagen der Werke.Ein optimistischer Ton durchzieht den gesamten Band. Nicht zu verdenken, wenn Klein die „Kulturhauptstadt“ reflektiert, erfreulich und bewundernswert bei dem „Nach-Denken“ über enttäuschte Hoffnungen, und wenn er das Leben „In der Krise“ beschreibt. In jeder Woche des Jahres können sich die Leser so von einem Gedanken oder einer Botschaft Hans Kleins begleiten lassen. Getrübt wird der insgesamt positive Eindruck des Gedichtbandes lediglich durch seine äußere Form. Man hätte dem Buch eine bessere Gestaltung und sorgfältigeren Druck gewünscht. Längere Gedichte, wie „Wunderland Siebenbürgen“, bekommen auf den kleinformatigen Seiten kaum Platz zur Geltung. Das vorliegende Buch ist der erste Gedichtband von Hans Klein. Seine Gedichte hat er bereits bei verschiedenen Anlässen mündlich vorgetragen. Bekannt sind bislang seine theologischen Schriften und die im Jahr 2004 im Erlanger Martin-Luther-Verlag erschienene Sammlung von Aufsätzen, Analysen, Betrachtungen und Reden unter dem Titel „In eine neue Zukunft. Dokumente der Hoffnung“. Es sind Reflexionen aus seiner Tätigkeit als Dekan der Evangelischen-Theologischen Fakultät, als Vorsitzender des Hermannstädter Forums, als dienstältester Stadtrat, als ehemaliger Stadtpfarrer von Hermannstadt und Bischofsvikar der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. „Kleine Lichter für besondere Stunden“ ist im Hermannstädter Schiller-Verlag erschienen (ISBN: 978-3-941271-13-5).

 

aus der ADZ (März 2009)

 

aus der Hermannstädter Zeitung vom 04.07.08:



„Here’s Romania“

 

Überlebensführer mit wahren Begegnungen

 

Wer hat sich nicht schon mal gefragt, wie sich ein Ausländer in Rumänien fühlt? Die Gelegenheit, diese Gedanken nachzulesen, gibt es seit kurzem. Hier schon mal eine Aussage über Hermannstadt: „Hermannstadt nimmt Steroide. Es war einmal eine schläfrige Stadt in Siebenbürgen mit einem Fuß im Mittelalter. Jetzt ist sie ein Jahr lang Europäische Kulturhauptstadt mit einem Festival pro Wochenende, modernem Straßenbelag und Designer-Springbunnen am Großen Ring“. Diesen Eindruck hinterließ Hermannstadt dem Briten Mike Ormsby, der im Juni ein Buch mit Kurzgeschichten rund um Rumänien im „Compania“-Verlag herausgab.

 

„Never Mind the Balkans, Here´s Romania“ oder in der rumänischen Variante „Grand Bazar Romania sau Calator strain updated” (übersetzt von Vlad Arghir) beinhaltet kurze Beobachtungen aus der Perspektive des Ausländers, der Rumänien entdeckt. Es ist mehr oder weniger ein Überlebensführer mit wahren Begegnungen mit den Bewohnern des Landes. Eigentlich wird Alltägliches auf 279 Seiten beschrieben, Tatsachen über Rumänien, die keinem Hiesigen mehr auffallen oder über die sich keiner mehr aufregt: der höllische Verkehr in Bukarest, ein toter Hund vor dem Parlament, der wochenlang liegenbleibt, eine Tierschutzorganisation die keinem Tier hilft, die rumänische Bürokratie, „spaga“ für einen Platz am Tisch in einer Bar in Bukarest u.v.m. Doch Ormsby gibt nicht auf, er versucht etwas zu verändern, auch wenn er meistens gegen die Wand redet. Hier eine kleine Kostprobe des Humors des Autors:
 Als er den Taxifahrer in Bukarest bittet, langsamer zu fahren, erklärt der Chauffeur: „Beruhigen, nicht gefährlich! Ich bin anders als du. Ich hab lateinisches Blut! Das gleiche in Italien, Spanien, ja? Wir fahren wie sie!“ Ormsby gibt nicht auf und versucht es mit Ironie: „Denken Sie nicht, daß die Gesetze der Gravitation auch in Bukarest gelten?“. Die Antwort des Taxifahrers kommt prompt: „Ich mag Politik nicht“.
 Mike Ormsby, geboren 1959, kam 1994 als BBC-Reporter zum ersten Mal nach Rumänien, 13 Jahre lang bereiste er die Welt als Rucksacktourist und kehrte 2007 nach Rumänien zurück.
 „Never Mind the Balkans, Here´s Romania“ ist ein Buch, das einen zum Lachen bringt, zugleich aber ein bißchen traurig stimmt, denn es berichtet über wahre Begebenheiten, die man lieber nicht wahrhaben will.

 

Cynthia Pinter

 

Das Buch ist in englischer (32 Lei) und rumänischer (29 Lei) Fassung im Büchercafe ERASMUS erhältlich oder kann unter erasmus@schiller.ro bestellt werden.

 

 

aus dem Siebenbürger-Newsletter Nr. 118 vom 01.07.2008:



"Die Welt ist ein Dorf mit niedrigen Zäunen"

 

Vergnügliche und ernste Lektüre von Walter Seidner

 

Dass zurzeit kein Mangel an Erinnerungsliteratur aus dem siebenbürgischen Raum besteht, ist nicht zu leugnen. Besonders die bis Dezember 1989 in Rumänien als Tabu geltende Thematik von Verschleppung und Enteignung, Flucht und Auswanderung wurde inzwischen gehörig aufgearbeitet. Das mehr oder weniger von Toleranz geprägte Siebenbürgen wird in Deutschland und in Europa immer mehr wahrgenommen.Nun tritt der 70-jährige Pfarrer und Humorist Walter Gottfried Seidner (Spitzname "Voltaire") mit einem gut 300 Seiten starken Buch an die Öffentlichkeit. Den Sammelband mit Erzählungen und Gedichten nennt er "Auf Wolke Sieben/Bürgen" und hängt noch zwei Untertitel dran. Sein (bisher) bestes Buch? Wir kennen von ihm das Mundartstück vom "Sherlock Honnes", den in Hochdeutsch abgefassten "Ehespiegel" u. a. Wir kennen seine Vorliebe für das Wortspiel. Und manche kennen auch Schriften eines seiner Vorgänger im Stolzenburger Pfarramt, des Erzählers Johann Plattner (1854-1942): "Schatzgräber" oder "Stolzenburger Gestalten", Texte, die ebenfalls der Heiterkeit nicht entbehren.Was kommt also jetzt? Der vorgewarnte Leser ist angenehm überrascht, denn er wird mit einer Fülle ernster und auch nachdenklich gestimmter Texte bedient. Kaum mehr das leicht Überspitzte von einst. Feinsinniger Humor fließt in die gut lesbaren Geschichten allemal ein. Man darf immer wieder lächeln und schmunzeln.

Eine chronologische Reihung der Texte ist erkennbar. Der Zeitbogen überspannt das vergangene Jahrhundert. Seidner lässt den Großvater aus dessen Kindheit erzählen ("Das Kriegsarchiv"), über Jugendstreiche im Hermannstadt der k.u.k.-Zeit und deren Folgen. In die Zwischenkriegszeit gehört die anrührende Geschichte vom "Lachmeister" und einer Bischofspredigt. Welch unerwarteter Menschlichkeit ein versprengter deutscher Soldat im Herbst 1944 bei rumänischen Gebirgsjägern begegnet, die ihn eigentlich gefangen nehmen und an die Sowjets ausliefern müssten, erfahren wir aus der Erzählung "Die blutende Maske" und darin auch von der späten Suchanzeige des Bauern Aron Părău.Dann aus dem letzten Kriegswinter die Erinnerungen an den im Seidnerischen Elternhaus auf der Hermannstädter Konradwiese zwangseinquartierten Russen, den Kinderfreund und zeichnerisch begabten Aljoscha. "Die Stalinkelter" bietet die einfühlsame Schilderung des Geschehens um den 13. Januar 1945, als Frau Seidner, Mutter von vier unmündigen Kindern, wie durch ein Wunder vor der Verschleppung gerettet wird. Aljoscha, dieser sonnige Charakter, wird mutatis mutandis ein Gerechter unter den Menschen. Was sich wie ein Märchen liest, ist wahre Geschichte.

In dem durch den Zweiten Wiener Schiedsspruch vorübergehend an Ungarn abgetrennten Nordsiebenbürgen hat sich zugetragen, was die Erzählung "Der niedrige Zaun" über das Schicksal der in Moritzdorf allein zurückgelassenen, eigentlich verschollenen zweijährigen Marichichi zu sagen hat (ja, Sie lesen richtig: Marichichi). Nach der Evakuierung durch deutsche Truppen im September 1944 waren ohnedies ganz wenige Sachsen im Dorf geblieben; die Eltern des Kindes aber wurden im Januar einfach verhaftet und verschleppt. Rumänische Bauern aus einem Nachbardorf finden, vom Wochenmarkt kommend, das verlassene Mädchen weinend im Schnee hinter dem niederen Zaun. Sie "nehmen es zur Seele" (luat în suflet). Und sie werden seine Zieheltern sein, bis zur Heimkehr der Eltern von der Zwangsarbeit in der Sowjetunion zu Pfingsten 1949 und Monate darüber hinaus, bis die Marichichi begreift, wer ihre wirklichen Eltern sind, und sie zum ersten Mal auf Sächsisch sagen kann: "Motterchen, dairet, ech bidden äm en Stäck Brit". Es wird beschrieben, welchen Mut und auch welche Schlauheit die Zieheltern aufbringen müssen, damit das Kind nicht in ein Waisenhaus kommt. Ihr Feingefühl, ihr Schmerz, ihre Freude, ihr anständiges Verhalten - diese Geschichte bietet vielleicht, wie andere auch, Anregung und Stoff für eine Verfilmung. Und, eine geradezu wunderbare Fügung: Als Pfarrer begegnet der Verfasser auf Dienstreise in Temeswar 40 Jahre später der Studentin Annemarie, und diese ist eine Tochter der Marichichi vom Tschutili aus Moritzdorf ... (So klein ist die Welt. "Die Welt ist ein Dorf mit niedrigen Zäunen.")

In keinen anderen der Texte passen die zahlreichen ins Deutsche übertragenen rumänischen Redensarten so gut wie in diesen letzterwähnten. Der sprachgewandte Walter Seidner gebraucht übrigens möglichst wenige Fremdwörter, dafür aber Regionalismen noch und noch, was gewiss seine Berechtigung haben mag.Nicht unerwähnt lassen wollen wir die in den Band eingestreuten Gedichte und gereimten Aphorismen, in denen die humoristische Ader des Poeten zumeist voll zur Geltung kommt.

Zwei einschränkende Anmerkungen seien hier gestattet: Ausgerechnet die den Band abschließende "Hochzeitsfahrt auf Wolke Sieben/Bürgen. Mer spilen Siwenberjes" wirkt gekünstelt. Zweitens: Von den drei Titeln, die den Buchdeckel schmücken, dürfte einer zuviel sein. Ansonsten haben wir es, einschließlich der zutreffenden Analyse im Geleitwort von Gerhard Konnerth, mit einer ausgereiften, erholsamen und vergnüglichen Lektüre, mit guter, empfehlenswerter Literatur zu tun.

 

Ewalt Zweyer

 

Walter Gottfried Seidner: "Auf Wolke Sieben/Bürgen. Paradies in der Hölle. ...gute Nachtgeschichten". Honterus Verlag. Sibiu/Hermannstadt 2008, 312 Seiten, ISBN 978-973-1725.25-3. Das Buch mit Originalsignatur des Autors kann bestellt werden bei Uwe Hatzack, Lortzingstraße 5, 90429 Nürnberg, Telefon: (09 11) 3 22 32 48. Unkostenbeitrag inklusive Versandkosten in Deutschland 11,85 Euro. Von jedem verkauften Exemplar wird ein Euro zugunsten der Renovierung der Stolzenburger Kirchenorgel verwendet.

 

 

aus dem Rheinischen Merkur Nr. 28/2008:



Warum Rumäniendeutsche in die SS eintraten



Der Historiker Paul Milata untersucht dieses Thema in „Zwischen Hitler, Stalin und Antonescu. Rumäniendeutsche in der Waffen-SS“

 

Von Jakob Horstmann



Es ist ein heikles Thema. Paul Milata hat sich in seiner Dissertation „Zwischen Hitler, Stalin und Antonescu. Rumäniendeutsche in der Waffen-SS“ (Böhlau Verlag, 2007) der Frage angenommen, was rumäniendeutsche Männer während des Zweiten Weltkriegs zum Eintritt in die Waffen-SS bewog. Wie eigentlich immer, wenn es um die Täterschaft im Zweiten Weltkrieg geht, so ist auch diese Frage alles andere als unumstritten. Da seriöse historische Arbeiten fehlten, wurde die Debatte bislang von Gerüchten und unbelegten Volksweisheiten dominiert, die Milata so zusammenfasst: „(...) überhaupt seien die rumäniendeutschen SS-Männer als Opfer zu betrachten, da ihr SS-Eintritt nicht freiwillig, sondern unter Zwang geschehen sei.“ (S. 2) Dies ist die These, die Milata untersucht.

In den ersten Kapiteln legt Milata eindrücklich dar, wie sich das Verhältnis der rumäniendeutschen Minderheit zu den „Reichsdeutschen“ im Laufe der Jahre seit der Entstehung Großrumäniens 1918 entwickelt hat. Dazu gehört eine genaue Analyse der sogenannten „1000-Mann-Aktion“ von 1940, als in einer Art Pilotprojekt für spätere SS-Rekrutierungen unter „Volksdeutschen“ gut 1000 Rumäniendeutsche in die Waffen-SS eingegliedert wurden.

Die ersten fünf Teile des Buches können als eine Vorbereitung auf Kapitel sechs verstanden werden, in dem es konkret um die Eintrittsmotivation rumäniendeutscher SS-Rekruten geht. Dort zeigt Milata, wie der soziokulturelle Zeitgeist der rumäniendeutschen Minderheit im Jahre 1943 zwischen reichsdeutscher Verklärung, Misstrauen gegenüber dem rumänischen Staat und Angst vor dem sowjetischem Bolschewismus die individuellen Entscheidungen pro oder contra SS-Eintritt bestimmte. Milata kommt zu dem Schluss, dass in diesem Spannungsfeld, „zwischen Hitler, Stalin und Antonescu“ eben, die individuellen Entscheidungen mitnichten für jeden gleich und schon gar nicht rein zwanghaft, sondern der „Schlusspunkt individueller Abwägungen“ (S. 4) und mithin multikausal waren. Neben den ideologischen Gründen, die aus damaliger Sicht für einen SS-Eintritt gesprochen haben mögen, spielten, so Milata, auch der höhere Sold, die bessere Ausrüstung, die großzügige Unterstützung der Familie und andere pragmatische Faktoren eine Rolle bei der Entscheidung pro SS.

Der Kern der Angelegenheit, die Schuldfrage, bleibt bei Milata meist unausgesprochen, schlummert aber ständig im Hintergrund. Vordergründig konzentriert er sich voll und ganz auf die der Schuld vorgängige Frage der Freiwilligkeit des SS-Eintritts. Schade ist, dass Milata diesen für sein Vorhaben so zentralen Begriff der Freiwilligkeit eher schlampig definiert.

Tatsächliche (im Gegensatz zu juristischer) Freiwilligkeit liegt ihm zufolge dann vor, wenn die handelnde Person sich mit ihrer Entscheidung „identifiziert“. Was das angesichts des von ihm brillant nachgewiesenen multikausalen Charakters der fraglichen Entscheidung bedeuten soll, lässt er offen. Dieses Problem spielt auch in Milatas etwas sorglosen Umgang mit dem Begriffstrio der Freiwilligkeit, Alternativenlosigkeit und Schuld hinein. Im sechsten Kapitel argumentiert Milata in nicht weniger als sieben Unterkapiteln überzeugend dafür, dass die rumäniendeutschen Männer eigentlich keine Wahl hatten, dass sowohl sie als auch ihre Familien „letztlich keine Alternative zum Eintritt in die Waffen-SS“ sahen (S. 202).

Er tut das sogar so überzeugend, dass die Grundthese seiner Arbeit, dass „der rumäniendeutsche Eintritt in die Waffen-SS freiwillig“ (S. 211) erfolgte, mit Hinblick auf die übergeordnete Schuldfrage aus rein semantischen Gründen fragwürdig erscheint. Natürlich kann eine Entscheidung freiwillig und gleichzeitig alternativenlos sein. Wie eine alternativenlose Entscheidung aber mit moralischer Schuld zu verknüpfen ist, darauf geht Milata nicht ein und hinterlässt so ein gewisses Vakuum an einem entscheidenden Punkt.

Diese rein terminologischen Diskussionspunkte ändern natürlich nichts daran, dass Milatas Buch eine reichhaltige, transparente und vor allem ausgezeichnet lesbare Studie zu einem bislang vernachlässigten Thema ist.

 

aus der ADZ vom 20.02.2008

 

Milata, Paul: Zwischen Hitler, Stalin und Antonescu Rumäniendeutsche in der Waffen-SS. Diss. Studia Transylvanica Bd.34 XI, 349 S., 6 Fotos auf Taf. 23,5 cm 695g , in deutscher Sprache, Gebunden, 2007, Böhlau Verlag
ISBN 978-3-412-13806-6

 

37,90 EUR

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weitere Rezensionen zu diesem Buch finden Sie unter:

 

http://www.ece.ceu.hu/?q=node/67 
http://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/kultur/6800-rumaeniendeutsche-in-der-waffen_ss.html

 

 

aus der ADZ vom 15.02.08:



Literarische Psychogramme der Grenzgänge


Richard Wagner von „Ausreiseantrag. Begrüßungsgeld“ zu „Habseligkeiten“

 

Von Dr. Jürgen Henkel


Gute Literatur spiegelt immer das Leben. Wenn aus existenziellen Lebenserfahrungen Literatur wird, ist das für die Leser besonders spannend, vor allem wenn es dabei um Milieus aus Südosteuropa geht. Der rumäniendeutsche Autor Richard Wagner ist dafür ein gutes Beispiel. 1952 im Banat geboren, verließ er 1987 das Land nach einem Arbeits- und Publikationsverbot. Mit seinem Roman „Habseligkeiten“ nimmt er den Weg zurück – und das auf eine äußerst erheiternde Weise.

Die Rahmengeschichte ist recht einfach. Der ausgewanderte Werner Zillich kehrt zur Beerdigung seines Vaters für ein paar Tage in die alte Heimat zurück. Er stößt auf eine Welt, die ihm fremd und vertraut zugleich ist. Allein schon die Beschreibung der Anreise und der Dörfer bereiten jedem Vergnügen, der diese Strecke und Banater Dörfer aus eigener Anschauung kennt. Es entsteht eine Mischung aus Heimatroman, surrealen und absurden Szenen, die jedoch derartig realistisch sind, dass sich Wirklichkeit und Fiktion hier vermischen.

Wagner entfaltet ein buntes und pralles Banater Familienpanorama. Die Geschichte mehrerer Generationen wird hier vorgestellt. Die Personen leben, der Leser hat sie dank der Erzählkunst des Autors plastisch vor Augen. Und all das ohne jene bedeutungsschwere Langatmigkeit oder bierernste Grundsätzlichkeit, die sonst manch deutschem Familienepos anhaftet. Der Grundton ist heiter und gelassen mit der augenzwinkernden lakonischen Larmoyanz des Ausgewanderten, der die Verbitterung hinter sich gelassen hat.

Es ist hier viel Lokalkolorit und Hintergründigkeit im Spiel. Auch selbstkritische Spitzen, etwa wenn Wagner schreibt: „Der Hang der Banater Schwaben zum Selbstmitleid ist größer noch als ihr sprichwörtlicher Fleiß.“ Wagner ist ein feinsinniger Beobachter – auch aus der heutigen Ferne. Vieles, was sich in Rumänien nach 1989 so abgespielt und entwickelt hat, kommt zur Sprache. Manchmal boshaft, manchmal ironisch, immer treffend. Vom Raubbau am rumänischen Wald über die Wahrnehmung der Ausgewanderten bei Heimatbesuchen durch die „Zurückgebliebenen“ („Kein Auswanderer kann sich ohne Geld im Dorf blicken lassen.“) bis hin zur Liebe der Leute zum Hochprozentigen und der Gewohnheit mancher Bonzen, nach 1989 Pflastersteine und Asphalt zu klauen.

Auf der Rückfahrt versumpft Zillich in Budapest. Derbdeftige Szenen schildern dies. Er gabelt eine ungarische Prostituierte auf, verdingt sich als deren „Taxi“ in den Westen. Der Zuhälter wird zu seinem Geschäftspartner und die Bordsteinbekannte zur Lebensgefährtin, die die bisherige Freundin ablöst und selbst der strengen Mutter im Banat gefällt, als sie die biedere Mamsell gibt: „Plötzlich ist sie die ungarische Hausfrau, wie ich sie aus dem Banat kenne.“
Eingeflochten in diese Haupthandlung sind historische Reminiszenzen, etwa die Geschichte einer Auswanderung von Familienmitgliedern in die USA, die geschickt als Parallele zu der Auswanderungsstory der Hauptfigur unter Ceausescu aufgebaut wird.

Satirische Züge nimmt die Schilderung der politischen Entwicklung in Rumänien nach der Wende an: „Die meisten der alten Kommunisten haben die Revolution gemacht. (…) Die Revolte aber oder Revolution oder was auch immer geht direkt in den Wahlkampf über. Es sind mehr Parteien als Wähler. Die Kommunisten gründen immer neue Parteien. Je mehr Parteien es gibt, desto stärker werden die Kommunisten. Die Kommunisten sind jetzt die Antikommunisten. (…) Wo es früher eine Meinung gab, gibt es jetzt viele, zahllose Meinungen. Es herrscht Meinungsverwirrung. Und das im Auftrag der Kommunisten.“ Das ist präzise beobachtet, trocken-treffsicher kommentiert und brillant geschrieben.

Bis zuletzt präsentiert sich Wagner hier als abgeklärter und schelmischer Erzähler ohne Wehmut und Wehleidigkeit, der Hintergründe und Mentalitäten des Lebens im Banat und in Rumänien sowie die Befindlichkeiten des Aussiedlerdaseins zwischen alter und neuer Heimat aus gebührendem Abstand in lockerem Plauderton gelassen und gemütlich vorführt.
Hier präsentiert sich Wagner durchaus anders als früher. Wer seine 2002 in einem Band veröffentlichten Erzählungen „Ausreiseantrag. Begrüßungsgeld“ zur Hand nimmt, lernt noch einen anderen Wagner kennen. Den wütenden, zynischen, harten Wagner, der die Zustände in Rumänien vor 1989 mit gleicher Schärfe seziert wie die Härten der Ankunft im neuen Land. Wie lange hält man den Kommunismus noch aus, wenn man ausreisen kann? Wie schnell wird man Deutscher, wenn man ausgereist ist? Was bleibt vom alten Leben übrig? „Heim ins Reich der Waren.“

Messerscharf zeigt Wagner hier am Schriftsteller Stirner die Perfidien und Absurditäten des Systems zwischen Fluchträumen und Fluchtträumen. Es sind kurze konzentrierte Sätze, ein zorniges, schnörkelloses Stakkato der Wut. Vom Kampf um die Auswanderung zum Kampf um die Anerkennung im neuen Staat spannt sich hier der Erzählbogen, von den entwürdigenden Ritualen des alten Systems bis zum bürokratischen Seelenstriptease des Auswanderers im neuen Staat.

Wagner bietet eine Phänomenologie des Nahkampfs zwischen der mühevollen Selbstbewahrung im Securitate-Staat und der Bewährung im BRD-Kapitalismus, wo Einkaufen und Reisen erst mit der Zeit zu selbstverständlichen Lebensvollzügen werden. Das Ringen um die eigene Identität führt er als eine Zitterpartie vor: in Rumänien Deutscher, in Deutschland Rumäne. Und das neue Deutsch erst – mit Worten wie „Blutorange“, „Kinderausweis“ und „Postnachsendeauftrag“… Sein Fazit: Es ist alles anders als früher, aber nicht alles besser. Und doch gilt ihm die Freiheit vom Totalitarismus als der Mehrwert des neuen Lebens.

Solche Literatur wie diese Bücher von Richard Wagner sagen mehr über die Motive zur Auswanderung, die Flucht nach vorn und manche Flucht zurück, als manches Sachbuch. Wagner bietet literarische Psychogramme des Emigranten, er schildert Erfahrungen der Grenzüberschreitung.

 

Ausreiseantrag Begrüßungsgeld, von Wagner, Richard; Erzählungen. Aufbau Taschenbücher Bd.1815, Kartoniert, 199 S., 19 cm, 176g , in deutscher Sprache, 2002 Aufbau TB, ISBN 978-3-7466-1815-9, 7,95 EUR

 

Habseligkeiten, von Wagner, Richard; Roman. Aufbau Taschenbücher Bd.2245, Kartoniert, 281 S., 19 cm, 232g , in deutscher Sprache. 2006 Aufbau TB, ISBN 978-3-7466-2245-3, 8.95 EUR

 

 

Neuer Prosaband von Carmen Elisabeth Puchianu



„Auf jeden Fall, sie tragen sich einem zu, das ist das Schöne an den Geschichten“


„Der Begräbnisgänger“ und andere Geschichten von Carmen Elisabeth Puchianu


Von Dr. Mariana Lãzãrescu



Die in dem 2007 erschienenen Band „Der Begräbnisgänger“ vereinten zehn Geschichten der Kronstädter Schriftstellerin Carmen Elisabeth Puchianu beginnen meistens mit einem Satz oder Absatz, der das Interesse und die Neugierde des Lesenden sofort weckt. Im Mittelpunkt steht eine Naturbeschreibung oder ein Mensch mit einem vorherrschenden Charakterzug oder ein besonderer Vorfall. Ihre Kurzgeschichten sind schockierend, provozierend, moralisierend. Sie erregen, sie beunruhigen, sie decken auf. Sie richten sich gegen Unsitten und Abnormitäten, gegen Hinterhältigkeit und Oberflächlichkeit. Sie sind zeitlos und zeitgenössisch zugleich, knapp und trotzdem intensiv.

Heinrich Böll pflegte zu sagen, die Prosaform der Kurzgeschichte sei die reizvollste, weil sie am wenigsten in eine Schablone gepresst werden kann und weil sie alle Elemente der Zeit enthält: Ewigkeit, Augenblick, Jahrhundert. Es dauert bei ihm Jahre, so Böll, bis er eine Kurzgeschichte niederschreiben kann. Dies trifft auch auf die Texte Puchianus zu, denn einige stammen aus der Zeit vor 1989, wurden nach Jahren für den vorliegenden Band überarbeitet und veranschaulichen eine zum Teil neue Erzähltechnik. Bekanntes wird nun so vermittelt, dass neue Einsichten beim Lesenden entstehen können. Die Texte haben vorwiegend einen personalen Erzähler, sie ähneln den Berichten oder sind aus einer auktorialen Erzählperspektive geschrieben. Zu den Techniken Puchianus gehören Aussparungen, Andeutungen, Allegorien, die sie gekonnt einzusetzen weiß. Erzählt wird meistens im Präteritum, durch erlebte Rede, innere Monologe, Rückblenden wird aber Gleichzeitigkeit erzielt.

Die Sprache der Texte enthält Austriazismen wie z. B. „Küss die Hand, gnädige Frau!“ oder „ein fescher junger Mann“ u.a. In einem eher lakonischen Stil wird über Gepflogenheiten und Skurrilitäten von Personen berichtet, der Einsatz von Redewendungen und spezifischen siebenbürgischen Ausdrücken machen den Stil der Autorin aus, die bekanntlich dreisprachig, d. h. deutsch, ungarisch und rumänisch, aufgewachsen ist und ihre Kindheits- und Jugenderfahrungen mit der Sprache, aus dem Wunsch heraus zu kommunizieren, verarbeitet. Hinter der Mehrdeutigkeit der geschilderten Ereignisse verbirgt sich der Facettenreichtum des Lebens und der menschlichen Seele, der mit Hilfe von Leitmotiven oder Metaphern erschlossen wird.

Die Geschichten spielen oft in Puchianus Geburtsstadt. Die Stadt Kronstadt wird nicht konkret genannt, schimmert aber in vielen Texten durch und ist leicht erkennbar. Erwähnt wird die „Krone“, ein berühmtes Restaurant in Kronstadt, der Stadt am Fuße der Berge, wie es im Text heißt. Die Heimatstadt in den Bergen ist zweifellos Kronstadt, bekanntlich am Fuße der Zinne gelegen, deren Name auch diesmal nicht ausdrücklich genannt wird, und die Fahrten mit dem Zug weisen mutatis mutandis auf die Jahre hin, in denen Carmen E. Puchianu als junge Deutsch- und Englischlehrerin nach Filipe{ti-Târg im Kreis Prahova pendeln musste, weil sie nach dem Philologiestudium, laut damaligem Unterrichtsgesetz, dorthin zugeteilt worden war. Auch der Rathausplatz erinnert an Kronstadt. Autobiografische Elemente fließen somit direkt in die Handlung ein, was man in den Texten stets nachvollziehen kann.

Die Pointe am Schluss der Geschichte, der wir in den Texten Puchianus regelmäßig begegnen, fordert den Lesenden auf, zwischen den Zeilen zu lesen und über das Geschehen achzudenken. Manch-mal werden mehrere Möglichkeiten suggeriert, mit denen das Geschehen enden könnte. Konsequent wird auf Lösungen oder Wertungen verzichtet, was die Anteilnahme und die Spannung vergrößert. Alltagserlebnisse zu erzählen, Anomalien und Ungewöhnliches zu schildern, ist Puchianus Anliegen. Sie tut es natürlich, locker, witzig, humorvoll.

Die Frage nach der Moral der Geschichte muss man sich stellen, obschon die Tatsache wichtiger ist, dass man an der Lektüre Freude hat. Sicherlich sind Handlung, Personen und Atmosphäre stimmig. Aber etwas geht immer über die Handlung hinaus.

Puchianus Texte sind letztendlich subtile, gut strukturierte Parodien. Die Vorlage ist das Leben, der Mensch von der Geburt an bis zu seinem Tod, ihre Figuren sind Frauen oder Männer mit ihren Kuriositäten, Ängsten, Alltagssorgen. Landeskundliche Aspekte werden ebenfalls in die Handlung eingebunden. Die Geschichten erwecken auf keinen Fall Langeweile, weil dem Leser außergewöhnliche Menschen präsentiert werden. Die Charakterbeschreibung erfolgt als Parodie, als Exzentrizität. Zu den gelungensten Beispielen in diesem Sinne gehört die Geschichte „Der Begräbnisgänger“, aus der die Autorin auch anlässlich der vor kurzem im Bukarester New Europe College veranstalteten Tagung über die rumäniendeutsche Literatur vorlas und starken Publikumsbeifall erntete.

Carmen Elisabeth Puchianu erklärte einmal, dass man die Geschichten nur finden müsse, dann schrieben sie sich beinahe von selbst. „Auf jeden Fall, sie tragen sich einem zu, das ist das Schöne an den Geschichten.“

Das Buch ist in der Schiller-Buchhandlung in Hermannstadt/Sibiu sowie im Aldus Antiquariat in Kronstadt/Brasov erhältlich und kann beim Verlag bestellt werden.

 

aus ADZ, 09.02.2008

 

Carmen Elisabeth Puchianu: „Der Begräbnisgänger. Geschichten“. Passau, Verlag Karl Stutz 2007, ISBN 978-3-88849-126-7

 

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Hermannstädter Zeitung vom 11.01.08



Zum neuen Gästehausführer von Anselm Roth schrieb die Online-Ausgabe des Siebenbürgers noch vor Erscheinen des Buches am 10.12.2007:



Anselm Roth: „Siebenbürgische Gästehäuser“

 

Das neueste Buch aus der Feder von Anselm Roth, der bereits eine lange Reihe an Reise­füh­rern durch die Region Siebenbürgens veröffentlicht hat, knüpft an das Vorgängerbuch („Gäste­häuser in Siebenbürgen“, 2000, hora Verlag) an, das „sehr begehrt und bald vergriffen“ war. In Kooperation mit der Siebenbürgischen Zeitung und aufgrund deren Gästehäuserliste hat Anselm Roth eine vollständige Beschreibung dieser ganz besonderen Übernachtungs­möglich­keiten in ganz Siebenbürgen erstellt.

 

Roth bietet mehr als ein normaler Reisefüh­rer. Seine Betrachtung der siebenbürgisch-sächsischen Dörfer und ihrer Gasthäuser aus einer touristischen Perspektive ist keine ordinäre Informations-Ansammlung, sondern eine Art Reise zum Nachlesen: eine Lesereise, um diesen Begriff mal verkehrt herum auszudeuten.In fünf Kapiteln macht sich Roth auf in die kleinen Ortschaften „zwischen Broos und Draas“, be­schreibt, immer witzig und pointiert, den Weg, die Landschaft, die Gebäude von mehr als 50 potenziellen Ausflugszielen. Dort bleibt er dann in den Gasthäusern, welche oft in alten Pfarr­häusern eingerichtet worden sind, und versorgt den Leser mit allen nötigen Informa­tionen von Anfahrtsweg bis Zimmeraufteilung. Besondere Umsicht lässt er bei der Beschrei­bung der sanitären Anlagen walten, deren mancherorts eher rustikales Niveau ja nicht jedes West-Touristen Sache ist. Darob findet – auch so entstehen Legenden – jedes einzelne Plumpsklo seine Er­wäh­nung. Die vielen kleinen Anekdoten über die Ge­schichte der Ortschaften verraten den Fach­mann auf Schritt und Tritt. Den letzten Biss finden Roths Geschichten dann, wenn er die, Ent­schuldigung, Verschrobenheit einiger Reise­begegnungen für sich sprechen lässt. Zitate der Einheimischen à la „Aber der Esel war einmal angebunden, da hat ihn der Bär gefressen“ geben dem Leser noch tiefere Einblicke ins siebenbürgische Landleben als es all die qualitativ hochwertigen Bilder ohnehin schon tun. Das ist es überhaupt, was Roths Buch wirklich besonders werden lässt: die Menschen. Die Porträts der eigentümlichen Charaktere, die Roth sozusagen en passant entwirft, schaffen einen Reiseführer für solche, die es gerne persönlich mögen.Eine gewisse Wehmut ist dem Buch nicht abzusprechen. Kein plumpes Früher-war-alles-besser, aber der Wunsch, die Zeit wäre hie oder da stehen geblieben, ist offensichtlich. Roths Reise ist geprägt von der Suche nach Authen­tischem. „Solange es solche Bilder gibt“, schwärmt er angesichts einiger neben einem Ziehbrunnen weidender Kühe, „werden die Touristen nach Rumänien kommen“.Die größte Stärke dieses Buches ist gleichzeitig seine einzige Schwäche: Wer es schlicht als Reiseführer benutzen will, wird feststellen, dass durch die erzählende Textform die Übersicht­lichkeit etwas leidet und einzelne Informationen nicht schnell zu finden sind. Gerade bei den wertvollen Hinweisen zum Zustand der Straßen hätte man eine schematische Darstellung gut gebrauchen können. Und dass die Orte nur im Text und nicht auch auf den bunten Seiten­vermerken zweisprachig angegeben sind, wird die Kompatibilität mit rumänischen Landkarten etwas verringern. Diese Details aber ändern am Gesamtein­druck nichts: Wer sich mit diesem etwas anderen Führer im Gepäck auf die Socken macht, wird mit Sicherheit eine etwas andere Reise erleben.

 

Jakob Horstmann

 

Roth, Anselm: „Siebenbürgische Gäste­häu­ser“, Hermannstadt: Schiller Verlag, 2007, 129 Seiten, ca. 170 Farbfotos. 16,00 Euro, ISBN 978-973-88536-2-1, erhältlich im Sie­benbuerger.de-Shop oder in Hermannstadt: Schiller-Buchhandlung und Erasmus-Bü­cher­cafe

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„Das alte Hermannstadt“ von Otto Czekelius und Hermann Fabini



 

 

Stadtidentität und Kontinuität 

 

 

Zum Band „Das alte Hermannstadt“ von Otto Czekelius und Hermann Fabini 

 

von Paul Philippi

 

Im 18. Kapitel des Lukasevangeliums steht die Geschichte von jenem reichen Jüngling, der alles besitzt, was man sich in dieser Welt wünscht, und meint, auch alles das erfüllt zu haben, was über diese Welt hinaus führt. Da aber sagt ihm unser Heiland: „Eins fehlt dir noch!“

 „Eins fehlt dir noch“? Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich den profanen Anlaß einer Buch-Vorstellung mit so einem biblischen „Votum“ einleite, nur um damit ein Stichwort für das Buch zu finden, das ich hier präsentiere. Doch ist das „seit 1191 junge Hermannstadt“ in diesem Jahr so ein reicher Jüngling, nämlich auch mit Büchern und Bildern reich bedacht worden. Man könnte meinen, jetzt ist alles schon erfüllt, was gedruckt zu werden lohnte. Aber nein: Dieses eine Buch fehlte noch! Wie erfreulich, daß wir es jetzt haben und vorstellen können.

 

 

In diesem schön edierten Band - „Das alte Hermannstadt, Veduten und Stadtpläne aus vier Jahrhunderten“, Monumenta-Verlag Hermannstadt 2007 - gibt es mindestens vier Abschnitte, die es gründlich zu studieren lohnt und die bisher 2007 so noch nicht zu lesen waren. Da ist zuerst das nachdenkenswerte Vorwort, aus dem folgender Satz zitiert werden kann: „Die vorliegende Veröffentlichung will dazu beitragen, ausgehend von den vielen Möglichkeiten, die die Wende von 1989 gebracht hat, darunter auch die intensive Verbindung zum Großherzogtum Luxemburg, ein Wertesystem zu entwickeln, das der europäischen Dimension Hermannstadts, seiner Geschichte, seiner architektonischen und städtebaulichen Gestalt gerecht wird.“

 Sodann die äußerst eindrucksvolle und mit Bildern belegte, kurze Stadtgeschichte von Hermannstadt. Es folgt die außerordentliche Lebensgeschichte des Hermannstädter Stadtarchitekten Otto Czekelius (21. August 1895 - 21. März 1974), eines geborenen Hermannstädters, der nach seiner Studienzeit in München und Berlin Stadtarchitekt wurde - nicht von Hermannstadt, sondern von Spaniens Hauptstadt Madrid. Erst nach Abenteuern im spanischen Bürgerkrieg 1936 kehrte er heim. Seine Wanderjahre waren, so könnte man sagen, eine dauernde Flucht vor dem Kommunismus, von München 1919 nach Berlin, von dort 1922 nach Madrid, von dort 1943 nach Hermannstadt - bis dieser ihn dann zu Hause nach 1945 endgültig einholte. Schließlich folgen dann die von Czekelius gesammelten, feinen 152 Stiche, Veduten, Pläne und Fotografien, die Hermannstadt in der Sicht von vier Jahrhunderten zeigen - vom 16. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.

 Indem der Autor des Buches, Hermann Fabini, das Erbe seines älteren Kollegen der Öffentlichkeit zugänglich macht, leistet er zur Identität dieser europäischen Kulturhauptstadt einen entscheidenden Beitrag: den Beitrag der Kontinuität. In der Kontinuität stehen, ist eine Grundbedingung von glaubwürdiger Identität. Ich meine nicht eine Kontinuitätstheorie, die sich auf einen Decebal gründet oder auf Arminius den Cherusker. Solche Kontinuitäten werden in Stuben von Gelehrten oder Ideologen konstruiert. Echte Kontinuität verbindet zuerst mit den gerade vorangegangenen Generationen. Wo diese Kontinuität abreißt, ist es um die Identität der Nachgeborenen schlecht bestellt. Im Vierten Gebot heißt es ja „du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden“. „Ehre Vater und Mutter“ wird auch dem Reichen Jüngling gesagt, von dem wir ausgegangen sind. Ihm wird kein Ahnen-Mythos befohlen. Tradition heißt übergeben, trans-dare, nicht drüber werfen oder gar überspringen. Es geht um den bewußten, respektvollen Umgang der einander durch Altersabfolge verbundenen Generationen miteinander. Dieser Umgang und Übergang sichert Identität und Wahrhaftigkeit - auch im Umgang mit dem Erbe einer Stadt, die sich in diesem Jahr (erfolgreich!) getraut hat, der europäischen Gemeinschaft ein hauptstädtisches Profil zu präsentieren.

 So verstanden, hat dieses Buch „noch gefehlt“ und kann uns eine Hilfe sein. Ich freue mich, daß es nun da ist. Ich bin sicher, daß viele daran Freude haben werden - und hoffe, daß es in der angedeuteten Richtung auch von Nutzen sein wird.

 

aus der ADZ vom 23.11.07

 

 

 

 

 

aus der ADZ vom 05.10.2007:



Vom Mut des Autors, einen Roman unter die Leute zu bringen

Joachim Wittstocks neues Buch führt in die endfünfziger Jahre zurück

/ Von Carmen Elisabeth Puchianu


Zu Joachim Wittstock: „Die uns angebotene Welt. Jahre in Klausenburg“, Roman, ADZ Verlag Bukarest 2007, 398 S., ISBN-10 973-8384-33-8, ISBN-13 978-973-8384-33-0

Schon der Titel des neuen Romans von Joachim Wittstock enthält eine gewisse Mehrdeutigkeit: Er klingt Inhaltliches an ebenso wie Weltanschauliches und Werkpoetologisches. Worauf der Leser sich einzulassen hat, wird gleich im Vorwort des Verfassers ausgesprochen: Einem älteren literarischen Projekt will unter „bestmöglicher Sammlung“ und „Selbstbeherrschung“ endlich der Vorrang gegeben werden, um zur längst fälligen Ausführung zu gelangen. Es gilt dem Autor, eine „vierzig und mehr Jahre zurückliegende Vergangenheit“ nicht lediglich zu beschauen, sondern literarisch zu vergegenwärtigen zwecks Veranschaulichung und Bewältigung von früher Erlebtem. Dabei ist der Autor bestrebt, keineswegs „ins Mutmaßliche, ins bloß Gedachte und Erfundene abzuirren“, vielmehr geht es ihm um eine möglichst objektive, jeder Zeit verifizierbare Darstellung von gesellschaftlichen Vorgängen und persönlichen Geschehnissen. Dafür greift er in bereits bewährter Manier auf „schriftliche und sonstige Belege (...), auf Briefe, Aufzeichnungen, auf fotografische Aufnahmen und Zeitungsberichte“ (S.7) zurück.

Das Bauprinzip seines Romans, das dem Autor lange Zeit ein schreibtechnisches Dilemma darstellte, erschließt sich ihm letztendlich beim Anhören von Bachs „Inventionen“. Inventionen sind musikalische Klavierkompositionen, die, zwei- oder dreistimmig, das gesamte Stück aus einem musikalischen Einfall (Thema) heraus entwickeln. Das Thema wird dabei unterschiedlich bearbeitet, und zwar nach dem Prinzip der Imitation, der Sequenz (Wiederholung des Themas auf einer anderen Tonstufe), der Transposition (das Thema erscheint auf einer anderen Tonstufe), der Umkehrung, der Augmentation (Vergrößerung der Notenwerte), der Diminution (Verkleinerung der Notenwerte), oder der Abspaltung (nur ein Teil des Themas wird verwendet). Die gleichen Mittel stehen dem Epiker ausschweifender Prosa zu Gebot und Wittstock setzt sie wirkungsvoll ein, indem er sich auf den „Imitationsstil“ beruft und betont: „Ja, die Erfindung ahmt das Wirkliche nach, und die Nachahmung des Wirklichen erfordert viel Erfindungsgabe...“ (S.8). Damit platziert sich Wittstock in die Tradition hoher Erzählkunst, wie sie von Goethe über Fontane bis Thomas Mann und Günther Grass gepflegt wurde.

Der Roman enthält dreißig Inventionen, die dem musikalischen Kompositionsprinzip entsprechend ein recht beschränktes Personenregister agieren lassen, das Hauptthema als Variationen, Wiederholungen oder kontrapunktisch aufgreifen und weiter führen.
Konkret Biografisches findet seine Widerspiegelung auf dem Hintergrund real historischer Kulisse, die ganz genau abgesteckt wird und die Jahre 1956 - 1960, plus minus, wie im Verlauf des Romans wiederholt in ironisch distanziertem Ton festgestellt wird, betrifft. Die in Klausenburg verbrachten Studienjahre sind der Anlass für ein detailliertes Bild, darin Persönliches sich mit Überpersönlichem zu einer Gesamtdarstellung jener umstrittenen Anfangsjahre der rumänischen Volksrepublik und der Aufbaujahre einer neuen Gesellschaftsordnung im Rumänien der Nachkriegszeit verdichtet. Zusammengehalten werden die Inventionen einerseits durch den allwissenden Erzähler, der sich als echter Bruder jenes Geistes der Erzählung Mann’scher Prägung ausweist. Andererseits ist Georg Härwest, der etwas naive und gutgläubige Protagonist des Romans, das verbindende Element der gesamten Erzählung. Die auktoriale Erzählperspektive erfährt eine interessante Brechung und Relativierung durch die Sicht des jungen Georg Härwest.

Georg Härwest, dessen Name „im siebenbürgischen Dialekt Herbst bedeutet“ und der von einem Kommilitonen „mit rednerischem Aufwand“ mal als „Georg Herbst des Mittelalters“, mal als „Georg Drachentöter“ (S.393) tituliert wird, wird vom Erzähler ebenso verständnisvoll wie (selbst)ironisch gezeichnet, steht er doch nachgerade für das (jüngere) Alter-Ego des Verfassers und stellvertretend für eine ganze Generation von Nachkriegsintellektuellen siebenbürgisch-sächsischer Herkunft. Manchmal in die prekäre Position eines Außenseiters gedrängt, muss Georg, sehr gegen sein scheues Naturell, Engagement und Pflichtbewusstsein an den Tag legen, um den Anforderungen der neuen volksdemokratischen Lebensweise gerecht zu werden. So gelangt er nicht immer aus freien Stücken oder aus eigenem Antrieb in regelrechte Schlüsselpositionen, wie etwa in den Vorstand des deutschen Literaturkreises der Klausenburger Studenten.

Die Erzählung bewegt sich nicht immer linear und chronologisch. Der Erzähler macht von seinem Recht Vor- und Rückblenden einzuschalten Gebrauch, um so den geradlinigen Ablauf der Handlung retardierend zu unterbrechen, womit er den Leser nicht selten auf die Probe stellt.
Zu den thematischen Schwerpunkten des Romans gehört die Frage der kulturell-ethnischen Zugehörigkeit im Kontext der sozial-politischen Umstellungen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Siebenbürgen/Rumänien. Die Hauptfigur des Romans reflektiert über Geschehnisse, die Vertreter der deutschen Minderheit betreffen: Vom Mitläufertum während der Nazizeit ist die Rede ebenso wie vom Mitläufertum während der stalinistischen Zeit; es wird über geheimnisvolle Verhaftungen von angesehenen Hochschullehrern (vgl. Professor Durlach und Thome) und begabten jungen Künstlern, Dichtern und Musikern, die sich für die deutsche Minderheit verdient gemacht haben, erzählt.

Es ist aber auch vom Vermitteln zwischen den einzelnen Kulturen und Ethnien die Rede, nicht zuletzt von tiefgründigen Überlegungen über Tod und Freitod (am Beispiel der Sabine B., ebenso wie an jenem einer rumänischen und einer ungarischen jungen Frau), von Liebe und von Eifersucht, von Glück und Entsagung.

Im Verlauf der Handlung gelingt es dem Autor, Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes zu vergegenwärtigen, allein schon dadurch, dass er seine Erzählung immer wieder in die Zeitebene der Gegenwart verschiebt und sie mit lebendigen und ausgesprochen pittoresken Figuren ausstattet. Neben Georg fallen besonders weibliche Gestalten auf, wie die zu theatralischem Gehabe neigende Oda Durlach, die von Selbstzerstörung geprägte Künstlerin Marion Faber, die temperamentvolle Csilla oder die eher stille Ileana. Unter den männlichen Protagonisten treten die Brüder Schott hervor, sowie die bereits genannten Lehrer, Durlach und Thome. Als Ratgeber aus der Ferne fungieren Georgs Vater und Mutter.

Die dem jungen Georg und durch ihm auch dem Leser angebotene Welt erweist sich in Wittstocks Roman oft als problematisch, heimtückisch und undurchschaubar. Trotzdem ist der Protagonist bereit, sich dieser Welt zu stellen. Er erinnert dabei ebenso an einen modernen Don Quijote wie an Hans Castorp. Schüchtern und zurückhaltend, pflichtbewusst und engagiert, geht Georg einen vergleichbaren Initiationsweg. Es überrascht nicht, dass dem Protagonisten ähnliche Erkenntnisse zuteil werden wie Castorp auf einsamer Skitour im Hochgebirge und dass er am Ende des Romans - wie Castorp seinerzeit am Ende des „Zauberberg“ - dem Blick des Lesers „unwiderruflich“ (S. 395) entschwindet.

Fragen der Romanpoetologie beschäftigen Wittstock in seinem neuen Buch ebenso wie in seinen früheren Schriften. Dem Konzept der Wirklichkeitskunst verhaftet, bekennt sich der Autor zu einem Realismus, der ihn immer wieder nötigt, „den in seinem Umkreis erkennbaren Dingen und absehbaren Entwicklungen deutlich ins Auge zu sehen“(S. 25).

Heikles und Verfängliches, so eine „elementare Regel der Zeitläufe“, sollen „nicht aufs Papier“ gesetzt, „nicht aus der Hand“ gegeben oder „gar mit der Post“ befördert werden (vgl. S. 31). Das gilt gleichermaßen für die agierenden Romanfiguren wie für den Verfasser selbst. Politische Hinter- und Beweggründe werden ebenso diplomatisch, beinahe euphemistisch umschrieben wie Erotisches/Sexuelles, Letzteres meist in konjunktivischer Form, bzw. als Wunschdenken wiedergegeben.
Sprachlich bleibt Wittstock seinem gewohnten Erzählstil treu. Man erkennt den Meister ausgefeilten sprachlichen Ausdrucks, der sich gern in sprachspielerischen Andeutungen und Umschreibungen ergeht und mittlerweile den Mut aufbringt, rumänische und ungarische Ausdrücke und Wörter in den Text einzubauen und so dem Ganzen noch mehr Wirklichkeitsnähe zu verleihen. Dass dabei die Schreibung rumänischer und ungarischer Nomen an die deutsche Großschreibung angepasst wurde, darüber und über andere Spracheigenheiten lässt sich diskutieren.

„Die uns angebotene Welt“ erschließt sich dem Leser letztendlich je nach Erwartung und Vorwissen als Schlüsselroman, insofern darin eine kritische und komplizierte Etappe im Leben einzelner Individuen bzw. einer ganzen Gemeinschaft unbeschönigt und unpathetisch dargestellt wird, wie sie hierzulande literarisch so noch nicht dargestellt wurde. Denn hier ist weder eine pathetische Märthyrerpose zu erkennen, noch wird der Anspruch auf oppositionelles Rebellentum laut. Der Roman ist ebenso gut als Entwicklungsroman und nicht zuletzt als weltanschaulicher Wirklichkeitsroman zu lesen.

Aus welcher Perspektive auch immer, und trotz der äußerst konkreten, genau umrissenen Romantopografie (verifizierbare Stadtteile, Straßen und Gebäude in Klausenburg, Hermannstadt oder Kronstadt), wäre es müßig, die wahre Identität der einzelnen Figuren zu hinterfragen und sie auf ihre authentischen Vorbilder zurückzuführen. Wohlweislich enthält uns der Verfasser diese letzte Enthüllung vor, und das ist gut so und ganz im Sinn von Literatur, die etwas auf sich hält.

Leider wird die Gesamtausstattung des Buches dem Anspruch des Romans kaum gerecht. Der Umschlag zeigt dieses Mal zwar etwas mehr Farbe als im Falle des Vorgängerromans „Bestätigt und besiegelt“ (2003), ist allerdings von dürftiger Qualität, was auch auf den Druck und das Papier zutrifft. Man kann dem ADZ Verlag den Vorwurf, ein lesenswertes Buch in völlig unansehnlicher Form verlegt zu haben, leider nicht ersparen.

 

 

Franz Remmel: Botschaft und Illusion - Zeugnisse der Literatur der rumänischen Roma



Lyrik und Prosa in Romanes Anthologie zur rumänischen Roma-Literatur erschienen / Von Cynthia Pinter (aus: ADZ vom 07.09.2007)

Jedes Volk hat eine Literatur, sei sie auch nur mündlich überliefert worden. Die Roma aus Rumänien ebenfalls. Das wird einem bewusst, wenn man das Buch „Botschaft und Illusion“ von Franz Remmel durchblättert, das heuer im Verlag „Banatul Montan“ in Reschitza/Resita erschienen ist. Es enthält kommentierte Lyrik und Prosa, die zur „Existenz auch einer Literatur der rumänischen Roma“ beitragen.

Von den ersten Übersetzungen Ende des 19. Jahrhunderts von Dr. Barbu Constantinescu, Martin Samuel Möckesch und Heinrich von Wlislocki ist im ersten Kapitel der Anthologie, der „Bevormundung“, zu lesen. Es ist allerdings notwendig, die deutsche und die rumänische Sprache zu beherrschen, um eine Kostprobe der aus dem Romanes ins Rumänische übersetzten Gedichte zu erhalten. Remmel lässt sich auf die Diskussionen über Sinnestreue und Phantasie der Übersetzungen von Wlislocki nicht ein. Es ist ihm wichtiger zu beweisen, dass es eine Dichtkunst der Zigeuner gab und gibt. Durch mehrere zweisprachige Proben eines Wlislocki kommt der Leser auf den Geschmack einer Volksliteratur mit ihren Zaubersprüchen, Märchen, Sagen oder Heilsprüchen (gegen Fieber oder Kopfweh). Märchen und Sagen sind als Beispiel der Prosa der Roma auch abgedruckt.

Im zweiten Kapitel, „Das ethnische Erwachen“, schreibt der Autor und Zigeunerforscher über die Entwicklung einer Roma-Presse zwischen 1925 und 1940. Mit Abbildungen einiger Titelblätter wie „Glasul Romilor“, „Neamul Tigãnesc“ oder „O Rom“ wird das Kapitel bebildert. Leseproben von Liebesgedichten, einem politischen Streitgedicht und einer Roma-Hymne sind hier zu genießen. Die Treue zum König Carol II., die aus einigen Gedichten hervorgeht, lässt auf die politische Haltung der Zigeuner in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schließen, die dem König für ihnen zugeteilte Grundstücke danken.

Es gab allerdings nicht nur glückliche Zeiten, das harte Leben eines Wanderzigeuners wird in einem Gedicht von Barbu Stanciu-Dolj in rumänischer Sprache beschrieben.

Kaum hatte sich die Literatur der Roma etwas entfaltet, kam in den Jahren 1940 bis 1990 zuerst die Zensur und dann das Tabu. Darüber schreibt Remmel im nächsten Kapitel. Eine Sammlung von Zigeunermärchen wurde eingezogen und sogar eingestampft. Erst nach 1990 gab es wieder ein „ethnisches Erwachen“ im literarischen Geistesschaffen der rumänischen Roma.

Diesmal aber schreiben nicht mehr nur Nicht-Roma, sondern auch Roma. Vom Entstehen parteipolitischer Formationen und einer Presselandschaft ist hier die Rede. Mehrere Gedichte und Prosastrücke dokumentieren dieses Erwachen. Es fällt der Name der Hermannstädter Dichterin Luminita Mihai Cioabã als wichtigste Vertreterin der Roma-Literatur nach 1990. Die Gedichtbände, die nach der Revolution erschienen sind, werden vom Autor angegeben.
Franz Remmel hat es mit dieser kommentierten Anthologie geschafft, mehr als drei Dutzend Autoren der Roma vorzustellen und Teile ihrer Werke zu publizieren. Um das Buch bildlicher zu gestalten, gibt es zum Schluss mehrere Farbfotos, die das Leben der Roma festhalten.

Es ist bereits das vierte Buch zum Thema Roma in Rumänien, das Franz Remmel veröffentlicht. Das erste, „Nackte Füße auf steinigen Straßen“ (2003), behandelte das Thema der Deportation der Zigeuner nach Transnistrien. 2004 erschien „Der Turm zu Babel“ und erlaubt einen Blick hinter die Kulissen der rumänischen Roma-Gesellschaft, während „Alle Wunder dauern drei Tage“ (2005) die Geschichte der Roma wiedergibt.

Dem Literaturfaszinierten eröffnet das Buch neue Bereiche, vorausgesetzt der Leser beherrscht Deutsch und Rumänisch. Vor allem für jemanden, den die Kultur der Roma interessiert und der etwas mehr über die Geschichte des Nomadenvölkchens wissen möchte, ist „Botschaft und Illusion“ das Richtige.

Das Buch ist zum Preis von 30 Lei im ERASMUS-Büchercafe und in der SCHILLER-Buchhandkung erhältlich.

 

 

Arne Franke mit Harald Roth: Hermannstadt / Sibiu - Ein kunstgeschichtlicher Rundgang durch die Stadt am Zibin



Kunsthistorisches Hermannstadt - Arne Frankes neuer Stadtführer durch die Kulturhauptstadt / Von Juliane Binder (ADZ vom 31.08.2007)

Der deutsche Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Arne Franke stellte am vergangenen Samstag sein neuestes Buch „Hermannstadt/Sibiu – Ein kunstgeschichtlicher Rundgang durch die Stadt am Zibin“ im Friedrich-Teutsch-Haus vor. Anders als bereits existierende Reiseführer, präsentiert dieses Buch nicht die besten Übernachtungsmöglichkeiten oder Restaurants der Stadt, sondern befasst sich mit Hermannstadts architektonischer Geschichte und Gegenwart.

Dem einleitenden Geschichtsüberblick, der von dem siebenbürgischen Historiker Dr. Harald Roth verfasst wurde, folgt eine sehr detaillierte Betrachtung der evangelischen Stadtpfarrkirche. Grundrisse, Fotografien aus heutiger Zeit, aber auch Illustrationen aus dem 19. Jahrhundert, die größtenteils aus dem Bestand des Brukenthalmuseums und dem Archiv des Friedrich-Teutsch-Hauses stammen, veranschaulichen die Baugeschichte sowie die architektonischen Besonderheiten des Gotteshauses im Außen- und Innenbau. Im Weiteren findet der Leser sechs kleine Stadtspaziergänge, die jedoch auch in einen großen Rundgang vereint werden können: Von der Heltauer Gasse zum Großen Ring, durch die Seitenstraßen des Großen Rings, über den Kleinen Ring und Huetplatz zur orthodoxen Kathedrale, durch die Unterstadt und schließlich die Stadtmauer entlang. Auch in diesem Teil des Buches veranschaulichen viele aktuelle Fotografien im Vergleich mit Bildern aus der Vergangenheit die Entwicklung Hermannstadts. Eine Mitte des 19. Jahrhunderts entstandene kolorierte Lithographie zeigt beispielsweise den Großen Ring mit dem Nepomuk-Denkmal, während sich auf einer heutigen Abbildung des selben Ortes kein Nepomuk, stattdessen aber die ehemalige Bodenkreditanstalt, heute das Rathaus, erkennen lassen.

„Hermannstadt kann sich mit echten Federn schmücken!“, so Ministerialdirigent i. R. Winfried Smaczny, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Kulturforums östliches Europa, über den kulturellen Wert der hiesigen Baudenkmäler zu Beginn der Buchvorstellung. Autor Franke erzählte, wie er bei seinem ersten Besuch in Hermannstadt 1993 den Mund vor lauter Staunen überhaupt nicht mehr habe zumachen können: „Für mich als Denkmalpfleger war die Stadt ein absolutes Dorado!“ Der Architekturhistoriker hatte sich nach der politischen Wende Anfang der Neunziger auf den Weg in das für ihn bislang unbekannte Gebiet des „Wilden Ostens“ gemacht und Kunstgeschichte vorgefunden, die, so Franke, noch unberührt vom Konsum gewesen sei. Seither hat er die Restaurierungen schlesischer Schlösser im Hirschberger Tal und die Instandsetzung der Görlitzer Altstadt mitgestaltet und mit Ausstellungen und der Veröffentlichung eines Handbuchs begleitet.

Auf Anfrage des Deutschen Kulturforums östliches Europa, das bereits diese Projekte unterstützt hatte, kam Franke schließlich die Idee, auch Siebenbürgen näher zu betrachten und dessen Kunstgeschichte in handlichen Reiseführern für Touristen zugänglich zu machen. Neben dem Stadtführer über Hermannstadt werden im nächsten Jahr darum weitere Bücher Frankes im Schnell-und-Steiner-Verlag veröffentlicht werden. Fast fertig sind die kunstgeschichtlichen Rundgänge für Kronstadt sowie „Das wehrhafte Sachsenland“. Letzteres Werk wird eine Auswahl von 180 Kirchenburgen vorstellen, darunter ganz bewusst auch sehr kleine, abgelegene Bauten. Dieses Buch soll auf den drohenden Verfall dieser Baudenkmäler aufmerksam machen.

 

 

Johanna Letz: "Der erste Hermannstädter war ein Räuber"



Über Menschen und Bären, über Götter und Räuber

Die Autorin Johanna Letz und die Künstlerin Pomona Zipser sind in Hermannstadt geboren. Ihr Buch „Der erste Hermannstädter war ein Räuber und andere unglaublich wahre Geschichten“ erzählt von Siebenbürgen, einem erinnerten Land. Ohne Pathos, ohne volkstümelnde Idylle und Idealisierung. Sie schöpfen aus der Geschichte, Mythen und dem vielsprachigen Volksgut dieses Landes, in dem sich westliche und östliche Traditionen reiben und mischen. Eindringlich dramatisiert durch die leichten Pinselzeichnungen von Pomona Zipser stimmen diese kuriosen Legenden augenzwinkernd ein neues Liebeslied auf das alte Siebenbürgen an. Der Münchner Historiker Dr. Cornelius Zach widmet der Neuerscheinung im Folgenden eine einfühlsame Rezension.

Wir sind es nicht mehr gewohnt, Bücher zu lesen, die durch das Wort und die Bilder auf uns wirken. Schon gar nicht mehr an solche, die zum Nachdenken auf einem anderen Plan, einer Metaebene, anregen. Das vorliegende kleine Werk belehrt uns eines Besseren. Die Autorin erzählt drei Geschichten über Siebenbürgen, über die menschliche und die kulturelle Vielfalt dieser schon viel besungenen Landschaft. Johanna Letzens Erzählungen vereinen etwas vom cantabile-Stil der Erzähler aus Tausend und einer Nacht, aber auch vom Schalk Till Eulenspiegels, mit stets präsenter Ironie ohne Bitterkeit oder intellektuelle Härte – es ist eine Pseudoingenuität eigener Art.

Die drei Geschichten (denen eine kleine Kosmologie, eine mythologia varia folgt) handeln von einem ängstlichen türkischen Soldaten, der zum Vorfahrn einer angesehenen Mediascher Familie wurde, von einem Wegelagerer und einem Bär (Frate Nicolai).

 

Die drei Geschichten (denen eine kleine Kosmologie, eine mythologia varia folgt) handeln von einem ängstlichen türkischen Soldaten, der zum Vorfahrn einer angesehenen Mediascher Familie wurde, von einem Wegelagerer und einem Bär (Frate Nicolai).

 

Weder Rumänen noch Deutsche kommen hier ausdrücklich vor, und doch erscheint das Bild Tschobanistans komplexer denn je. Die zum Teil harten Ereignisse werden in ein mildes Licht getaucht und mit Fröhlichkeit beschattet, erzählt. Die heiter-nostalgische Erzählkunst harmoniert mit den diskreten und eleganten Zeichnungen, die jede Seite begleiten, aber nicht überladen. Der Text ist die Poetisierung einer Vergangenheit ohne Zukunft, ein Trost ohne Jubilieren, aber auch eine Lektion in Demut: der erste Hermannstädter soll ein Wegelagerer gewesen sein, ein Türke ist Vater eines angesehenen Lederermeistergeschlechts.

 

Der letzte Text heißt „Krethi und Plethi am Zibin“. Das ist im gewissen Sinne eine Walpurgisnacht, gesittet durch Elemente klassischer Bildung, mit Sprachanzüglichkeiten, die versteckt sind und zum Schmunzeln bringen, eine Götterdämm(l)erung. Da die Krethi im Alten Testament eindeutig die Kreter waren, könnten die Plethi die Vorfahren der Siebenbürger gewesen sein, die auch lange Mähnen trugen.

Dies ist kein Buch nur für Siebenbürger. Es wirbt für das Fortleben des Märchens, für die Wirkung der Vergangenheit auf uns, auch wenn sie nicht einmal die unsere ist. Und wenn der erste Hermannstädter ein Räuber war, was wird wohl der letzte sein? Ein Dichter, ein Rückwanderer, ein Pfarrer, oder gar ein Bär?

Cornelius R. Zach, aus: Siebenbürgische Zeitung 24.06.07

 

 

 

 

Ebba Hagenberg-Milius Rumänien Reiseführer



Reiselust weckende Lesebücher  

 

von Dr. Jürgen HENKEL

 

Außer einem zweifellos verdienstvollen, aber doch überholten Kunstführer älteren Datums von Evi Melas stand außerdem lange kein qualifizierter Reiseführer über Rumänien zur Verfügung. 1998 hat die Reisejournalistin Ebba Hagenberg-Miliu dann bei dem für Reiseliteratur äußerst renommierten Verlagshaus Dumont erstmals ihren Reiseführer zu Rumänien vorgelegt. Dieser bot eine qualifizierte Darstellung zu Rumänien und seinen touristischen Möglichkeiten und Attraktionen.

Nun ist dieser Reiseführer pünktlich zum EU-Beitritt Rumäniens und zur Ernennung von Hermannstadt zur Europäischen Kulturhauptstadt 2007 in einer neuen, nochmals erweiterten und verbesserten Ausgabe erschienen. Nachdem die früher sehr rumänienkritische deutsche Presse mittlerweile erkannt hat, daß das Land mehr zu bieten hat als Armut und Elend, Korruption, Kriminalität und kommunistische Erblasten und neuerdings entsprechende Reiseempfehlungen veröffentlicht, kommt diese Neuauflage gerade recht.

Zu der positiveren Bewertung Rumäniens im allgemeinen und seiner touristisch-kulturellen Attraktionen im besonderen in den deutschsprachigen Medien seit geraumer Zeit hat sicher auch die einzigartige politische und wirtschaftliche Entwicklung Hermannstadts seit der Wahl von Klaus Johannis zum Bürgermeister und der Ernennung der siebenbürgischen Metropole zur Europäischen Kulturhauptstadt beigetragen. Es bewahrheitet sich damit auch, was Johannis bei der Konferenz der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) 2004 zum Rumänien-Image in den deutschsprachigen Medien sagte, nämlich, daß die Ernennung Hermannstadts zur Kulturhauptstadt wohl das wichtigste Imageprojekt für ganz Rumänien seit der Wende von 1989 darstellt.

Ebba Hagenberg-Miliu bietet nun auch in dieser vollständig neu gestalteten Ausgabe die bewährte Mischung aus Sachkompetenz und gut recherchiertem Hintergrund mit vielen praktischen Tips für Reisen nach Rumänien. Alle Regionen werden in gleicher Weise in Wort und Bild gewürdigt: Bukarest und die Walachei, die Schwarzmeerküste und das Donaudelta, die Moldau und die rumänische Bukowina, die Maramuresch, Siebenbürgen und das Banat mit Temeswar.

Die Einführungen zu Geschichte, Land und Leuten sind sehr gelungen und aktualisiert. Dabei beschränkt sich die Autorin nicht auf strikt touristisches Hochglanzmaterial, sondern bietet auch Fotos etwa von Studenten in Bukarest oder wettergegerbten Bauern bei der Feldarbeit, die über manche idyllischen Darstellungen in Reisebroschüren der Fremdenverkehrsämter hinausgehen. Auch Fotos von Büroräumen boomender Firmen von Wirtschaftsjunioren und von der Unterzeichnung des EU-Beitrittsvertrages im April 2005 sind nicht ohne weiteres in anderen Reiseführern zu finden.

Überhaupt bietet dieser Reiseführer von seiner Konzeption her mehr als klassische Reiseempfehlungen. Er zählt nicht nur Fakten, Adressen und Tips zu touristischen Zielen auf. Sondern es gelingt der Autorin, Politik und Wirtschaft, Geschichte und Religion, Geographie und Natur, Küche und Kultur, Sehenswürdigkeiten und Wissenswertes in einer sehr ansprechenden und sachkundigen Weise vorzustellen und zu vermitteln.

Es ist zu spüren, daß die Autorin nicht distanziert und oberflächlich Eindrücke referiert und Sekundärliteratur wiedergibt, sondern bei aller Objektivität doch eine Innensicht des Landes präsentiert und damit Land und Leute nicht nur beschreibt, sondern mit viel Verständnis erklärt. Die besondere Verbundenheit der Autorin mit dem Land stellt ein großes Plus dieses Reiseführers dar, der nicht nur drucktechnisch und inhaltlich hervorragend ist, sondern auch auf Basis gründlicher Recherche mit Liebe zum Land geschrieben ist.

Besonders deutlich wird dies in den zwanzig Sonderabschnitten zu einzelnen Themen. Der Umweltschutz in Rumänien, der wirtschaftliche Aufschwung nach 1989, der Bildhauer Constantin Brancusi, das christliche Volksbrauchtum, der Dichter Mihai Eminescu und die Chansonette Maria Tanase, aber auch Hermann Oberth und die Raumfahrt, der Exodus der Rumäniendeutschen und die Lage der ungarischen Minderheit und der Roma zählen unter anderem zu den Themen. Auch ein eigener Abschnitt zur ökumenischen Arbeit der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS).

Die vielen praktischen Tips und das Kartenmaterial sind ausgesprochen zuverläßig und hilfreich. Die durchgehende Farbbebilderung weckt die Reiselust.

Ähnliches gilt im übrigen für den Reiseführer der Autorin zur Schwarzmeerküste, der etwas früher erschienen ist. Hier werden nicht nur die Planschmöglichkeiten vorgestellt, sondern auch die reiche Geschichte der Kulturlandschaft der Dobrudscha von der Antike bis heute. Die Autorin zeigt, daß die Dobrudscha mehr zu bieten hat als Strand und Sand. Dem Taschenführer ist eine Regionalkarte beigegeben. Fünf "Extra-Touren" empfehlen Wege zur Erkundung der reichen Kultur und Natur dieser Region (Schiffstour durchs Donaudelta, eine Exkursion zur Ruinenstadt Histria, eine zu Kirchen, Synagogen und Moscheen, eine Tour zu den wichtigen Klöstern St. Andreas und Dervent mit Adamclisi sowie einen Ausflug ins Weingut Murfatlar).

Ebba Hagenberg-Miliu bietet hervorragende, weit überdurchschnittliche Reiseliteratur zu Rumänien, die Touristen wie hier lebenden Ausländern und sonstigen Gästen des Landes erstklassige Informationen und auch Einblicke in das Alltagsleben des Gastlandes vermittelt. Es sind Reiselust weckende Lesebücher zu Land und Leuten. 

aus: Hermannstädter Zeitung Nr. 2035/15. Juni 2007

 

 

 

Wissen, Sehen, Essen, Staunen



Anselm Roth schrieb einen etwas anderen Stadtführer für Hermannstadt

von Hannelore Baier, ADZ Hermannstadt

Hermannstadt - In der Schiller-Buchhandlung stellte er fest, dass Touristen immer wieder nach einem Stadtführer von Hermannstadt/Sibiu fragen und es keinen gibt. Also setzte Anselm Roth sich hin und verfasste einen. Gute Fotos schoss er mit dazu (deren Wiedergabe zum Teil jedoch leider mangelhaft ist). Als Mitarbeiter des hora-Verlags (und Neffe von Dr. Maria Luise Roth-Höppner, der Mitinhaberin) brauchte er einen Herausgeber nicht mehr zu suchen. Der in deutscher Sprache verfasste Stadtführer liegt in den Buchhandlungen auf (und es wäre sinnvoll, ihn auch in andere Sprachen zu übersetzen). Wie von der Rückseite des Umschlags zu erfahren ist, sind dergleichen Führer in der „Transilvania compact"-Reihe des hora-Verlags auch über Schäßburg/Sighisoara, Mediasch, Heltau/Cisnadie mit Michelsberg/Cisnadioara sowie Kronstadt/Brasov geplant.

Beim Blick in das Inhaltsverzeichnis der 100 Seiten umfassenden Broschüre stellt man fest, dass es sich nicht um einen klassischen, langweiligen Führer handelt, in dem alle historischen und geographischen Daten aufgelistet sind, aus dem man aber kaum was aus dem aktuellen Geschehen erfährt. Der spritzig-witzige Erzählton und die Art der Informationen - erwähnt wird zum Beispiel der Wahlerfolg des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt, vorgestellt aber werden auch die traditionellen rumänischen Käsesorten - deuten darauf hin, dass der Verfasser Journalist ist: Anselm Roth hat Kommunikationswissenschaften studiert und mehrere Jahre für die „Süddeutsche Zeitung" gearbeitet.

„Finden" - so heißt das Inhaltsverzeichnis - kann der Interessent im Stadtführer Informationen in den Kapiteln „Wissen", „Sehen", „Kennen", „Kaufen", „Essen", „Schlafen", „Staunen" und „Merken". Wissenswerten Einzelheiten aus der Geschichte und Entwicklung der Stadt folgt ein Spaziergang durch die Altstadt, Museen und die Umgebung bis hin nach Salzburg/Ocna Sibiului und auf die Hohe Rinne/Paltinis. Bei deren „Sehen" lernt man Leute und das Leben kennen. Der Führer informiert über das deutschsprachige Kulturleben, dass Rumänien kein unsichereres Land ist als Italien oder Spanien, gibt aber auch Tipps, wie man sich Polizisten gegenüber verhalten sollte. Wie und wo Geld zu beheben bzw. tauschen ist und was damit wo gekauft werde kann - u.a. hat Roth die Schuhgeschäfte im Dumbrava-Kaufhaus gezählt, es sind 24! - ist für Touristen genauso wichtig wie das Finden eines guten Lokals und/oder Übernachtungsplatzes. Beschrieben werden die Restaurants - auch jene in den „Tiefen der Stadt", d.h. in Kellern eingerichteten Pubs und Clubs - die Hotels, Pensionen und Gästehäuser. Eine gute Übersicht davon gibt es dann unter „Merken" zusammen mit einem kleinen deutsch-rumänischen Wörterbuch, wichtigen Adressen und Telefonnummern und Listen der Museen, Buchhandlungen aber auch von Büchern zu Hermannstadt.

Lesenwert ist das Kapitel „Staunen", weil es viel von dem anspricht, was uns Einheimischen nicht (mehr) auffällt bzw. wir nicht hinterfragen. Dazu gehört der Einkauf eines Sackes Sand oder das neuentstandene Villenviertel auf der Cantemir-Straße.

Der Stadtführer ist im Buechercafe ERASMUS sowie in der SCHILLER-Buchhandlung für 32 Lei zu erhalten.

 

 

 

Astrid Bartel: Der Halbierte Stalin



von Beatrice Ungar, Hermannstädter Zeitung

Wer das Buch liest, wird dankbar sein dafür, daß die Autorin Wort gehalten hat und nun am vergangenen Sonntag ihren zweiten Band, der im hora Verlag erschienen ist, im Erasmus-Büchercafé im Teutschhaus präsentierte. Den ersten Band „Das Mädchen von der Quelle“ hatte Astrid Bartel den Roma und Sinti in Siebenbürgen gewidmet. Nun ist ihre Heimatstadt, „mein liebes Hermannstadt“ an der Reihe.

Die Deutschlehrerin Gertrud Braisch stellte den Band vor und sagte u. a., daß die Autorin „bewußt schlaglichtartig“ diesen oder jenen Aspekt der sozial-Politischen Gesellschaft der 1950er Jahre beleuchte, ohne Kommentar. Sie überlasse es den Lesern, sich ihre eigene Meinung zu bilden.

In der Titelgeschichte, „Der halbierte Stalin“ erzählt sie, wie sie persönlich den Abschied von dem Diktator Stalin in Rumänien erlebt hat. Zufällig hat der LKW mit Anhänger, der eine Stalinstatue klammheimlich halbiert zum Einschmelzen ins Hüttenwerk in Hunedoara bringen soll, vor ihrem Haus eine Motorpanne. Sie holt sich Stelzen, um einen Blick auf die Ladung zu werfen. So erlebt sie Weltgeschichte, als eine „kleine Welle der großen Geschichte (die) auch an das Hermannstädter Ufer“ schwappte.

Die anschaulich und mit Humor erzählten Geschichten sind Puzzlestücke der Geschichte Hermannstadts, die es lohnt, aufzulesen. B. U.

 

 

 

 

Maria Haydl: „Und wonn hie dennich kitt ……“



von Wolfgang Fuchs, Hermannstädter Zeitung

Ein Buch für sächsische Laienspielgruppen


Vor kurzem wurde im Teutschhaus der Sammelband „Und wonn hie dennich kitt ……“ (Und wenn er doch noch kommt) vorgestellt. Die Autorin, die Mundartschriftstellerin Maria Haydl (1910 Arbegen/Ag‚rbiciu im Weißbachtal geboren - 1969 in Hermannstadt gestorben) lernte schon in ihrer Heimatgemeinde durch ihren kulturbegeisterten Vater u. a. das Theaterspielen kennen und lieben.

Im Vorwort zu dem 2006 in Hermannstadt herausgegebenen 349 Seiten starken Buch wird der Werdegang der in Arbegen geborenen Maria Haydl, die in der Gymnalsialzeit im Hermannstädter Diasporaheim wohnte, geschildert. Während des Mathematikstudiums in Klausenburg lernte Maria ihren zukünftigen Mann Walter Hatzack kennen. Die Hatzacks hatten eine Buchhandlung.

Sohn Uwe Hatzack brachte gemeinsam mit seinen Geschwistern Idmar Hatzack, Waltrun Maier und Heidemarie Zeck den Nachlaß seiner Mutter Maria Haydl zur Veröffentlichung. Anstoß dazu gab die Premiere der Inszenierung des Stücks „Versäck deng Gläck“ von Maria Haydl, die am 6. April 2003 in Gerestried stattgefunden hat und zu der die Familie der Mundartautorin von Johann Depner eingeladen worden war. Depner hatte das Stück als Buch auf dem Flohmarkt in Schäßburg erstanden. Mit Unterstützung von Dr. Sigrid Haldenwang, Anneliese Thudt, Ortwin Maier, Prof. Dr. Gerhard Konnerth und Pfarrer Walther Gottfried Seidner kam dann dieses Buch zustande.

In dem Band kommt eine für die Siebenbürger Sachsen allgemein gültige Lebensphilosophie zur Sprache.

Auch die Poesie kommt zu Wort. 1968 schreibt Maria Haydl:„Auf hohem Berge/du und ich /Erwachsende Birke/knospender Enzian/singender Wind“.

Im Hauptteil sind vier Laienspielstücke von Maria Haydl abgedruckt: „Und wenn er dennoch kommt“ (drei Aufzüge), „Versäck deng Gläck“ (Volksstück in sechs Bildern), usw. Diese sächsische Volkskunst gelte es zu erhalten, meinen die Herausgeber. Und so viel Mundartsprecher gibt es bestimmt noch, daß sowohl die Rollen besetzt werden können, als auch daß der Zuschauerraum voll wird.

Der Sammelband „Und wonn hie dennich kitt…“ liegt in dem Erasmus-Büchercafé im Teutschhaus auf. Der Umschlag zeigt die Kirchenburg von Arbegen, eine Reproduktion eines Gemäldes von Friedrich Emil Haydl, dem Vater der Autorin. (Wolfgang FUCHS)


Hermannstädter Zeitung Nr. 2013/12. Januar 2007

 

 

 

Harald Roth: Hermannstadt. Kleine Geschichte einer Stadt in Siebenbürgen, Böhlau 2006



Am 05.05.07 im Spiegelsaal des dt. Forums von Thomas Sindilario vorgestellt:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Hermannstädter

es ist mir, als eingefleischtem Kronstädter, eine besondere Freude, Ihnen das von einem nicht minder eingefleischten und bekennenden Kronstädter, Dr. Harald Roth, vor einem knappen halben Jahr abgeschlossene und erschienene Buch über die rote Stadt bzw. die Haupt- und Hermannstadt, wie sie sich früher stolz nannte, vorzustellen!

Kronstadt und Hermannstadt – was wäre die Geschichte Siebenbürgens, die Vergangenheit, oder gar auch noch die Gegenwart (?), der Siebenbürger Sachsen ohne diese, letztlich doch belebende Rivalität? Langeweile? Mitunter sicherlich…

Dr. Harald Roth, der jüngst zum Südost-Institut in München gewechselt ist und dessen Verabschiedung aus seiner verdienstvollen und überaus ertragreichen Tätigkeit als Leiter des Siebenbürgen-Instituts an der Universität Heidelberg uns nächste Woche bevorsteht, wird übrigens im Rahmen der zwischen dem 14.-16. September laufenden Jahres in Hermannstadt stattfindenden Jahrestagung des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde über just diese Rivalität der beiden Städte sprechen. Es ist dies der Vortag des heurigen Sachsentreffens, an dem eine lange Reihe hermannstadtorientierter und spannender Referate zu hören sein wird, wozu ich Sie auch auf diesem Wege im Namen des Arbeitskreises herzlich einladen möchte.

In Kronstadt geht die Sonne bekanntlich einen Tick früher auf als in Hermannstadt und so ist es auch gekommen, daß die erste Fassung des Rothschen Hermannstadt-Kronstadt-Referates vor einem knappen Jahr im Rahmen der Tage des offenen Archivs der Honterusgemeinde zu hören gewesen ist.

Meine lieben Hermannstädter, sollte nun in Ihnen die historisch mannigfach überlieferte Entrüstung über Kronstädter leistungsbezogene Arroganz hochkochen, so gestatten Sie mir bitte noch vor dem Überkochen, mit einer nicht nur auf unsere kleine Gemeinschaft zutreffenden, allzu menschlichen Schwäche aufzuräumen! Statt uns damit aufzuhalten, wer jemand sei und was für einen Namen er trage, sollten wir uns doch besser darauf konzentrieren, was jemand zu sagen hat und wie innovativ, fundiert und überprüfbar seine Aussagen sind!

Besonders in dieser Hinsicht reiht sich Roths Hermannstadt-Buch nicht in die überaus lange Reihe von Büchern und Broschüren aller Art ein, die aus Anlaß des Hermannstädter europäischen Kulturhauptstadtjahres in mehr oder minder großer Eile erzeugt wurden. Roths Buch tanzt insofern aus der Reihe, als daß es dem Autor gelingt die durchaus reiche Literatur zu Hermannstadt, insbesondere die deutschsprachige, zu verarbeiten und daraus einen konzisen, für jedermann verständlichen und gut lesbaren Text zu erstellen. Es wird damit eine bislang wenig beachtete, dafür umso erstaunlichere Lücke in der siebenbürgisch-sächsischen historischen Bücherlandschaft geschlossen: Hermannstadt erhält auf diesem Weg endlich eine ortsgeschichtliche Synthese, die es vermag das örtliche Geschehen in einen größeren, siebenbürgischen und europäischen Kontext einzuordnen!

Meine Damen und Herren, Sie mögen ob dieser Feststellung etwas stutzen. Es ist auch nicht meine Absicht etwa die baugeschichtlichen Arbeiten von Arch. Fabini oder die Arbeiten von Emil Sigerus geringzuschätzen, sicher werden Sie mir und damit Roth aber beipflichten, daß die für den sächsischen Kontext prägende zentralörtliche Funktion Hermannstadts eine ganze Reihe von Hermannstädter Historiker dazu verleitet hat, regionalgeschichtlichen, gesamtsiebenbürgischen Themen nachzugehen. Daher bedurfte es eines äußeren, in unserem Falle eines europäisch-kulturhauptstädtischen Anstoßes, daß dieser lokalgeschichtliche Mangel offenbar wurde. Sollte es vor diesem Hintergrund noch von Bedeutung sein, daß sich der Verfasser als einen Kronstädter bezeichnet? Ich finde nicht.

Roth gliedert seinen Stoff in durchweg klassischer Weise, zunächst Gründung und Aufstieg der Stadt im mittelalterlichen Königreich Ungarn bis 1526, dann ihre Führungsrolle im Rahmen der ständischen Sächsischen Nation bis zu ihrem zeitweiligen Untergang infolge der Herrschaft von Gabriel Báthori in der Stadt ab 1611. Den folgende Abschnitt bis zum Übergang unter habsburgische Herrschaft 1687 überschreibt Roth mit: „die bescheidene Stadt“. Es ist die Zeitspanne, in der sich die Stadtführung von der hartnäckigen, politisch oft unklugen und überaus kostspieligen Parteinahme für die deutsche Seite, vertreten durch die habsburgischen Könige Ungarns, verabschiedet und damit auf die distanzierte Haltung des restlichen Siebenbürgens gegenüber dem habsburgischen Absolutismus und Katholizismus einschwenkt.

Der nächste Abschnitt bis 1849 ist wieder ein hauptstädtischer: mit einigen Unterbrechungen Sitz der zentralen Verwaltung der Provinz und wichtigste Garnisonsstadt Siebenbürgens mit Sitz des Commandierenden Generals – letzteres ein Charakterzug, der die Stadt auch heute noch prägt. Es schließen die von bürgerlich-industriellem Aufschwung gekennzeichnete Zeitspanne bis 1918 an, um schließlich die Entwicklung von einer vergessenen Provinzstadt zur europäischen Kulturhauptstadt zusammenzufassen.

Es ist Roths Synthese durchaus anzumerken, daß die Forschungsarbeiten, auf die zurückgegriffen werden konnte für die ersten 700 Jahre der Stadtgeschichte weit zahlreicher sind als für die letzten 150 Jahre. Dies beeinträchtigt den Wert der Arbeit jedoch kaum, da es Roth vermag, zu jeder Zeit die grundlegenden wirkungsmächtigen Strukturen der Stadtgeschichte herauszuarbeiten.

Wie bereits in Roths Kleiner Geschichte Siebenbürgens, die seit einem knappen Jahr nun auch auf rumänisch vorliegt und sich überaus gut verkauft, festzustellen war, gehört es zu den Stärken des Autors, Begriffe und komplexe Strukturen, zumeist mittelalterlichen Ursprungs dem Leser in präzisen, jedoch einfachen Formulierungen näherzubringen. Erwähnung verdienen auch das zweisprachige Verzeichnis der Gassen und Plätze der Stadt sowie das Personen- und Ortsnamenregister, die den Band abschließen.

Neben einigen kleinen Fehlern, wie etwa der, daß Samuel von Brukenthal aktiv als Freimaurer in Hermannstadt in Erscheinung getreten sei, die für die in Bälde zu erwartende zweite Auflage des Buches auszumerzen sind, ist die deutlichste Schwäche des Bandes im Bildteil auszumachen. Während die Abbildungen auf Druckpapier einwandfrei sind, fehlt den auf Glanzpapier gebrachten schwarz-weiß Bildern jeglicher Kontrast, was jedoch, wie zu erfahren war, zulasten des Böhlau-Verlages geht.

Insofern wäre es eine wichtige kulturelle Aufgabe, das hier handlich zusammengefaßte verläßliche Wissen um die Vergangenheit und Gegenwart Hermannstadts auch in anderen als nur der deutschen Sprache dem Publikum zugänglich zu machen. In erster Linie wäre da an Englisch und Rumänisch zu denken.

Um Ihnen, verehrte Zuhörer, einen Eindruck von Roths schriftstellerischem Elan zu geben, verlese ich Ihnen nun seine Vorbemerkung:

 

 

Soweit Roth!

Namen widerspiegeln keine Besitzansprüche, sie sind allein Ergebnis kulturgeschichtlicher Vorgänge und haben daher u.U. wie im Falle Hermanstadts unterschiedliche Formen in den verschiedenen Sprachen eines Ortes. Es wird heutigentags in allen möglichen mehr oder minder belanglosen Dingen eine europäische Dimension Hermannstadts erkannt. In Ermangelung einer kohärenten Definition des europäischen Wesens und Seins verkommt dies zu einer mithin skurrilen Übung, war doch eh alles immer schon Europa und ist es seit 2007 erst recht! Daher wäre es überaus begrüßenswert, mehr und öfters der Frage nachzugehen, welchen Beitrag Hermannstadt als Kulturhauptstadt zu einem noch reichlich vage umrissenen europäischen Wesen leisten könnte?

Es würde mit Sicherheit einiges von der viel gerühmten siebenbürgischen Toleranz an Europa weitergeben werden, wenn 2007 durch die Vertreter der Stadt das Funktionieren von Mehrsprachigkeit gerade bei Ortsnamen im Sinne von Roths Vorbemerkung in das Denken des gebildeten Europäers Eingang findet. Die formelhafte Doppelbezeichnung der Stadt mit Sibiu/Hermannstadt, mit der sich das offizielle Hermannstadt derzeit abmühen muß, kann allein auf diesem Weg überwunden werden. Das kulturgeschichtliche Rüstzeug für einen solchen europäischen Beitrag Hermannstadts ist jedenfalls in Form des vorliegenden Buches gegeben.