Suchen

Wir liefern Ihnen jedes Buch Ihrer Wahl.

Detailanzeige: Edit von Coler von Jaques Picard

<< voriger Artikel nächster Artikel >>
Edit von Coler

Beschreibung:

Als Nazi-Agentin in Bukarest 

mit einem Vorwort von Paul Milata



ISBN 978-3-941271-31-9


 


230 Seiten, fest gebunden, Schiller Verlag Hermannstadt - Bonn 2010



55 Lei / 15 Euro 



"1938 wussten die Deutschen aus Rumänien nicht, wie ihnen geschah, als Edit von Coler, eine ihnen vollkommen unbekannte Person, innerhalb von 48 Stunden ihre Gleichschaltung an das Reich bewerkstelligte. Wer war von Coler? Das vorliegende Buch beginnt in der avantgardistischen Künstler-Szene Berlins und gleitet in die Wirren des Finnisch-Sowjetischen Krieges; es verführt in die Goldenen Zwanziger Deutschlands und  verfolgt das Abdriften des deutschen Bürgertums in die Fänge des Nationalsozialismus;  es widmet sich ausgiebig der Zeit des Zweiten Weltkrieges.  Herr Picard hat bei dem Versuch, die spärlich geöffnete Türe zur relevanten Vergangenheit der Deutschen in Rumänien aufzustoßen mit einem Schlag einen spannenden Blick auf einen Querschnitt der europäischen Regionen und Epochen ermöglicht."  


PAUL MILATA



JACQUES PICARD hat als Gymnasiallehrer 30 Jahre lang in Deutschland gelebt. Er widmete sich seit 1990 der Geschichte der Siebenbürger Sachsen und veröffentlichte das Buch »Les Saxons de Transylvanie«. Picard war seit Ende 2009 Offizier im Orden der Akademischen Palmen, eine der höchsten Auszeichnungen der Republik Frankreich für Verdienste um das französische Bildungswesen.


Jacques Picard ist Anfang März 2010, nur wenige Tage, bevor er das Buch aus der Druckerei zugeschickt bekommen hätte, im Elsaß verstorben. Wir trauern um einen liebenswerten Menschen. 


Rezensionen:


Konrad Wellmann in der Hermannstädter Zeitung vom 09.04.2010



Mata Hari in Rumänien?             


Zur Biographie der „Nazi-Agentin“ Edit von Coler


Den Buchumschlag ziert das Porträt einer eleganten, im Stil der 1920er Jahre gekleideten Dame. Die ansprechende Gestaltung des Covers in den Reichsfarben schwarz-weiß-rot (gleichzeitig die der Hakenkreuzflagge!) und der Untertitel „Als Nazi-Agentin in Bukarest“ wecken die Neugier des Lesers. Das im Hermannstädter Schiller-Verlag erschienene Buch des Franzosen Jacques Picard versucht Licht in das Wirken einer geheimnisvollen Akteurin auf der politischen Bühne Rumäniens vor 1939 und nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zu bringen.


Mata Hari ist bis heute der Inbegriff der raffinierten Spionin, die mit ihrer erotischen Ausstrahlung hohen Offizieren militärische Geheimnisse entlockt. Der Name Edit von Coler sagt jedoch den wenigsten etwas. Den Versuch, diese Lücke zu füllen, macht das Buch von Jacques Picard.


Wer war die mysteriöse Unbekannte? Welche Rolle spielte sie in der deutschen und rumänischen Politik? Weshalb gilt sie bis heute als schillernde Persönlichkeit?


Edit von Coler wird 1895 als Edit Heinemann in Berlin geboren. Als Kind konservativer, wohlhabender Eltern hat sie Zugang zu höchsten Kreisen. Im Jahr der Russischen Oktoberrevolution heiratet sie den Oberleutnant Ulrich von Coler, später Oberst der Wehrmacht und der finnischen Armee, bei der er sich im Kampf gegen die Bolschewisten Verdienste erwirbt. Trotz der Geburt der (einzigen) Tochter Jutta (1918) trennt sich das Paar 1922. Hauptgrund ist der schwerreiche Geschäftsmann Paul Lohmann, der Edit bis 1930 ein märchenhaftes Leben ermöglicht, das sie zur Gründung einer Yachtschule und zum Erwerb des Kapitänspatents nutzt – als einzige Frau ihrer Zeit. Sie soll auch rechtskonservative Verbände finanziell unterstützt haben. Antrieb ihres Handelns ist die Beseitigung der Folgen des Vertrags von Versailles, der nicht nur in ihren Augen Deutschland zutiefst gedemütigt hat. Schon früh (Mai1931) tritt sie in die NSDAP ein und macht Karriere. Sie wird Dramaturgin beim Staatstheater, vermutlich eine Tarnfunktion, um „Salonspionage“ zu betreiben. Im März 1935 avanciert sie dank ihrer Fremdsprachenkenntnisse zur Auslandspressechefin im Reichsnähramt. Das Interesse an Rumänien wird geweckt durch ihre Vorliebe für rumänische Zigeunermusik!


Das frankophile Rumänien war als Mitglied der „Kleinen Entente“ in den 20er Jahren zur Regionalmacht im Südosten Europas aufgestiegen. Da es für Hitlers Pläne zur Eroberung von „Lebensraum“ in Russland beste Voraussetzungen bot (geopolitische Lage und die weltweit fünftgrößten Erdölvorkommen), versucht Deutschland dieses Land „friedlich“ zu erobern. Dafür scheint eine so kluge, gewandte, begabte und außerdem wunderschöne Frau bestens geeignet, zumal sie treu zur Nazi-Ideologie steht.


Ihren ersten spektakulären Coup landet sie, als sie den Streit zwischen den beiden seit 1935 rivalisierenden rumäniendeutschen NS-Parteien im Oktober 1938 innerhalb von 48 Stunden schlichtet. Es ist viel darüber gerätselt worden, wie ihr dies so schnell gelingen konnte. Vermutungen legen nahe, sie habe als Beauftragte der Nazis den Radikalen damit gedroht, daß die NSDAP ihnen die Finanzierung streiche. Damit mischt sich das „Mutterland“ nach 800 Jahren erstmals in die Politik der hiesigen Volksdeutschen ein.


Auch in Rumänien findet sich wieder ein großzügiger Mäzen: Der 54-jährige germanophile Industrielle Nicolae Malaxa ist der reichste Mann Rumäniens, eine „byzantinische Figur“ (75), die zudem auf die Presse Einfluß nimmt. Durch ihn bekommt sie einen einjährigen Vertrag beim „Curentul“ (ihr Name erscheint jedoch nicht im Impressum), wird fürstlich bezahlt und bewohnt ein komplettes Appartement im Hotel Athenée Palace.


Sie beginnt sofort mit vollem Einsatz ihre Aktivitäten im Sinne des Deutschen Reichs. Schon Anfang 1939 wird der französische Geheimdienst auf sie aufmerksam und verdächtigt sie, Gestapo-Agentin zu sein. Zum deutsch-rumänischen Wirtschaftsvertrag, der die für Deutschlands Kriegspläne notwendigen Erdöllieferungen garantiert, hat sie im Hintergrund Wesentliches beigetragen – nach ihren Worten arbeitet sie nur für die „Sicherung des Friedens“ und die „friedliche Gewinnung eines wirklichen Freundes für Deutschland“ (98). Ihr Wirken in Bukarest ist für Agenten unterschiedlicher Staaten auffällig. Die Vielzahl ihrer Kontakte weckt sogar das Mißstrauen der Gestapo, die sie verdächtigt, eine Doppelagentin zu sein.


Nach dem „Blitzkrieg“ gegen Frankreich und dessen Kapitulation am 14. Juni 1940 hat Rumänien nicht mehr die politische Kraft, sich gegen die „Umarmung“ der Deutschen zu wehren. Zudem droht die Sowjetunion mit einem Angriff, wenn die Nordbukowina und Bessarabien nicht an sie abgetreten werden. Der „Wiener Schiedsspruch“ führt zur Rückgabe Nordostsiebenbürgens an Ungarn. Auch die Süddobrudscha geht zurück an Bulgarien. Dies ist das Ende von Großrumänien und das politische Aus für Carol II., der kurz danach abdanken und ins Exil gehen muß. Davor erhält Edit von Coler noch die lang ersehnte Privataudienz beim König – ohne die Genehmigung der deutschen Gesandtschaft. Sie hat sich darauf gut vorbereitet und wird beim einstündigen Gespräch mit dem König zahlreiche wirtschaftspolitische Fragen ansprechen. Ihr eigenmächtiges Handeln verärgert die Vorgesetzten in Bukarest und Berlin. Sie wird abberufen und muss am 2.8.1940 das Land verlassen. In Deutschland wird ihr der Paß abgenommen, und sie wird bis zum Kriegsende nicht mehr ins Ausland reisen dürfen.


Wie es ihr nach dieser Enttäuschung ergeht und was mit ihr bis zum Kriegsende und danach passiert, berichtet der Autor weiterhin faktenreich und spannend. Sie stirbt am 14.5.1949 im Alter von nur 54 Jahren. „Das Grab Edit von Colers gibt es nicht mehr“ (208).


Was ist das Faszinierende an dieser Frau? Sie war eine intelligente, gebildete, überdurchschnittlich begabte und versierte Diplomatin, hervorragend dafür geeignet, im Dienste einer Sache zu agieren, zu vermitteln und politische Erfolge zu erringen. Aus ihrer Perspektive handelt sie mit den besten Absichten. Leider setzt sie ihre überragenden Fähigkeiten für ein verbrecherisches Regime ein.


Das Buch ist die erste Biographie dieser undurchsichtigen Persönlichkeit. Der Autor übersetzte sein Werk selbst ins Deutsche. Vor allem Zitate aus Edit von Colers zahlreichen Briefen und aus dem Tagebuch vermitteln den LeserInnen ein detailliertes Bild der rumänischen Zwischenkriegszeit. Es ist im besten Sinne populärwissenschaftlich, von den Fakten her gediegen, spannend erzählt, im Allgemeinen korrekt formuliert, mitunter in einem etwas saloppen Stil. Ärgerlich sind zahlreiche Druckfehler im Text und Ungenauigkeiten bei den bibliographischen Angaben. Am Schluß sind Kurzbiographien wichtiger politischer Persönlichkeiten zu finden, leider fehlt ein Personenregister.


Das sind aber geringfügige Mängel einer im übrigen verdienstvollen Biographie. Dr. Paul Milata, der den Anstoß zu diesem Werk gab, hat das Vorwort dazu geschrieben. Es kann als Glücksfall gewertet werden, daß Picard in vielen Gesprächen mit Jutta Schröder, dem einzigen Kind Edit von Colers, noch wichtige Details über die Mutter erfuhr. Die Tochter starb im November 2009 - ihr ist das Buch gewidmet.


Der Autor hat das Manuskript im Dezember 2009 abgeschlossen, aber sein Erscheinen nicht mehr erlebt. Er starb im März dieses Jahres in seinem 66. Lebensjahr in Le Val d’Ajol in den Vogesen.



Hannelore Baier in der ADZ vom 09.04.2010



Eine schillernde Persönlichkeit


Zum Buch von Jacques Picard „Edit von Coler. Als Nazi-Agentin in Bukarest“


Von Hannelore Baier



Sie wurde 1895 in Berlin-Charlottenburg in eine Künstlerfamilie geboren und wuchs mit dem Bewusstsein auf, zu der privilegierten deutschen Gesellschaftsschicht zu gehören. Dieses Bewusstsein wird auch im zerbombten Berlin und durch den Krieg zerstörten Deutschland nicht erschüttert. 1917 ging sie eine Vernunftehe ein, die ihr jedoch zum Adelstitel verhalf. 1914 hatte sie sich bei Ausbruch des Krieges im Zivildienst engagiert, den Versailler Vertrag empfand sie als persönlichen Affront. Am 1. Mai 1931 trat sie der NSDAP bei und in deren Dienst. Sie brachte ihrer Cousine Margarete Himmler, der Gattin des Reichs- und Gestapoführers, die feinen Manieren bei. Dieser Verwandtschaft, vor allem aber Ihrem Charme, der Intelligenz und Vermittlungsgabe sowie den mit allen Mitteln gepflegten Beziehungen verdankte sie den Aufstieg in die höchsten Kreise der NS-Führung. Diese setzte sie in offizielle Ämter ein und gebrauchte sie als Agentin. Unter anderem in Rumänien.



„Edit von Coler. Als Nazi-Agentin in Bukarest“. Unter diesem Titel erschien soeben die von Jacques Picard verfasste erste Biografie, die dieser zu den schillernden Gestalten des Nazi-Reiches gehörenden Frauen gewidmet ist. Das Buch wurde in Französisch verfasst, vom Autor, der als Gymnasiallehrer 30 Jahre lang in Deutschland gelebt hat, selbst ins Deutsche übertragen. Picard verstarb bevor das Buch als Druck vorlag, eine seiner wichtigsten Quellen, Jutta Schröder, die Tochter Edits von Coler, starb im November 2009.



Edit von Coler kam als Gestapo-Agentin und Wirtschaftsspionin nach Bukarest, ist im Anhang zu den von Rolf Pusch verfassten Memoiren zu lesen, der von 1937 bis 1940 an der deutschen Gesandtschaft in Bukarest tätig war. R.G. Waldeck, im Auftrag der „Newsweek“ 1940/1941 in Bukarest, meint in ihrem Buch „Athene Palace“, von Coler sei nicht Hitlers Spionin, sondern Propagandistin gewesen, eine „komplexere Mission“: Statt auf den Augenblick zu warten, in dem ihr wahre Geheimnisse in die Hand fallen, musste sie Tendenzen und Gemütslagen in den einflussreichen Kreisen entdecken, sowie den Charakter, die Meinungen und Schwächen von Persönlichkeiten mit Entscheidungsmacht in der Politik. Das tat sie in den Kreisen um König Carol II., den Großindustriellen Nicolae Malaxa und andere. Überliefert blieben viele Informationen aus dem mondänen Leben und auch Briefe, rarer gesät sind Dokumente, die ihr Wirken belegen. Aus diesem Grund kann Picard oftmals nur Vermutungen anstellen. Sein Buch ist jedoch eine Premiere, „da es ... die richtigen Akzente setzt“, so Dr. Paul Milata in dem Vorwort.



Edit von Coler erhält 1935 auf Empfehlung Himmlers das Amt der Auslandspressechefin im Reichsnähramt. Im Dienst der Blut- und Boden-Weltanschauung kommt sie 1938 nach Rumänien. Offiziell „arbeitet“ sie als Journalistin und erledigt eine Reihe Aufträge. Dazu gehört, das Wirtschaftsabkommen mit vorzubereiten, das am 23. März 1939 unterzeichnet wird und Deutschland die Erdöl- und Getreideeinfuhr aus Rumänien sichert. Edit von Coler hat damit „die friedliche Eroberung Rumäniens“ (S. 90) geschafft.



Ein weiteres Bemühen gilt dem Beenden des „Bruderzwists“ der „volksdeutschen Gruppen“, vorrangig jener um Alfred Bonfert und Fritz Fabritius, die: „Beide behaupten, die wahren Vertreter der neuen Weltanschauung zu sein ...“ so von Coler. In mehreren Briefen an das Reichsaußenministerium und an Werner Lorenz, den Chef der Volksdeutschen Mittelstelle, berichtet sie im November 1938 über die erfolgreiche Schlichtung der Zwistigkeiten (S. 62–63). Die Hitzköpfe bereiten ihr aber weiterhin Sorge, sodass sie Lorenz im September 1939 bittet „energisch einzuschreiten“, denn: „Das unvorsichtige Benehmen der Volksdeutschen gefährdet unsere Arbeit“ (S. 112). Auch teilt sie mit: „Wehrfähige Deutsche werden von hier nach Deutschland berufen, obwohl sie an der deutschen Front durch ihre kleine Zahl keinerlei Hilfe bedeuten, hier aber von größter Wichtigkeit sind“. Dies zum Thema, die Volksdeutschen seien erst 1940 gleichgeschaltet worden.



Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan und wurde gegangen. Im Juli 1940 ruft Reichaußenminister von Ribbentrop Edit von Coler „aus politischen Gründen“ aus Bukarest ab. Sie wird keinen weiteren Auftrag und auch nie mehr eine Ausreisegenehmigung erhalten. Von Coler – und auch ihr Biograf – suchen nach allen möglichen Erklärungen dafür, vermutlich gibt es eine ganz einfache: sie war zu auffällig geworden. Nach Kriegsende kommt Edit von Coler für kurze Zeit ins Internierungslager in Moosburg, von wo ihre Tochter sie herausholen kann. Sie stirbt vereinsamt im Mai 1949.



Edit von Coler war eine glamouröse Persönlichkeit, wie insbesondere Diktaturen und korrupte Gesellschaften sie hervorbringen. Auch Jacques Picard war fasziniert von dieser sicherlich außergewöhnlichen Frau. Das mit zahlreichen Fotos illustrierte Buch ist entsprechend lesenswert.



 




jetzt bestellen


<- zurück zur Liste